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176 Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika
absurde Aspekte der deutschen Schifffahrt in der NS-Zeit. Als der Passagierdampfer im Juli 1933
mit 200 SA-Männern auf Propagandareise Buenos Aires ansteuerte, formierte sich in Argen-
tinien antifaschistische Gegenwehr. Die Dockarbeiter traten in Streik, das Schiff konnte nur
mit Verzögerungen landen. Auf der hinfahrt auf ihrer Linie zwischen Europa und Südamerika
transportierte die cap Arcona jüdische flüchtlinge in die eine Richtung, auf ihrem Rückweg
„Volksdeutsche“ „heim ins Reich“. Ab 1940 stand das ehemals luxuriöse Passagierschiff im
Dienst der deutschen Kriegsmarine, ab Ende 1944 wurde es zum Transport von flüchtlingen
aus Ostpreußen nach Westen eingesetzt. Am 26. April 1945 wurde die cap Arcona mit häft-
lingen des Konzentrationslagers Neuengamme und Überlebenden verschiedener Todesmärsche
„beladen“ und in die Lübecker Bucht gebracht, um sie dort zu versenken und die Spuren der
KZ-Verbrechen zu verwischen. Am 3. Mai 1945 wurde der Verband allerdings von alliierten
Kampffliegern versenkt, die annahmen, es befänden sich nationalsozialistische funktionsträ-
ger auf der flucht nach Schweden an Bord. Rund 7 000 bis 8 000 häftlinge ertranken. Die
meisten Überlebenden, die sich ans Ufer retten konnten, wurden dort von Angehörigen der
hitler-Jugend, des Volkssturms und der SS erschossen.Die Organisation der Überfahrt nach
Südamerika hatte sich für das Ehepaar Leist auch deswegen besonders schwierig gestaltet, da
der ursprüngliche Plan scheiterte, ihre Kinder Lisa und Peter, die bereits mit einem Kinder-
transport nach England gelangt waren, abzuholen, um gemeinsam nach Argentinien zu fahren.
friedrich schrieb an seine Schwägerin:
„Liebe Trude! Das meiste stimmt nicht. Sitzen in hamburg und fahren am 16.5. hier ab,
Ankunft 1.6. Buenos. Ohne Kinder! hoffte bis zum letzten Augenblick. Jetzt sind wir beide
deprimiert. hier muß man aber endlich Schluß machen.“ 7
An Bord zwischen Montevideo und Buenos Aires präzisierte friedrich in einem weiteren Brief
die letzten Aufregungen vor der Abreise:
„Ich konnte nicht länger warten, da wieder allerlei Zwischenfälle vorgekommen sind. Die
Juva [Judenvermögensabgabe] für Nelly [die verstorbene Schwester] wurde bei mir sicherg-
estellt, mein Sperrkonto wurde mir am letzten Tag, als ich endlich die Bewilligung für die
Schiffskarten in der Tasche hatte, gepfändet. Wir sind 2 Tage lang von früh bis Amtsschluss
herumgelaufen, dass wir tot waren, um das Konto wieder freizubekommen. Ich habe im
letzten Augenblick die Schiffskarten genommen, weil wir bis zum Letzten aufs Permit hoff-
ten. Da las ich von der Einreisesperre für Bolivien und habe sofort gebucht.“ 8
Die englischen Durchreisevisa wurden erst im Juli 1939 erteilt, zu einem Zeitpunkt, als sich
Stella und friedrich Leist bereits in Buenos Aires aufhielten. Die cap Arcona hatte zwar in
Southampton angelegt, die Eltern durften aber nicht aussteigen, um ihre Kinder wenigstens zu
sehen. Einzig und allein die Übergabe des Briefmarken-Albums für Sohn Peter hatte geklappt.
So war der letzte Kontakt ein Telefongespräch von hamburg aus, wie der Vater in seinem Brief
resigniert fortfährt:
7 Brief von friedrich Leist (hamburg) an Trude Wang (Santa fe), 15.5.1939.
8 Brief von friedrich Leist (auf der cap Arcona) an Trude Wang (Santa fe), 1.6.1939.
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 1/2015
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 1/2015
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 216
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal