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Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika 177
„Ich glaube, die Kinder haben noch gar nicht begriffen, dass wir in eine andere Welt gehen.
[...] Mir vergeht oft die Lust am Leben. [...] Ich bin geflohen. Am 10. und 11.5. wurde
gepackt, am 12. war die Pfändung des Kontos, bis 13.5., bis zwei Stunden vor dem Weg-
fahren bin ich noch herumgelaufen. So habe ich keine Papiere für die Kinder. [...] Ich weiß
nicht, wer das jetzt in Wien machen soll.“ 9
Als sich das Schiff jedoch nach mehr als zwei Wochen am ersten Juni 1939 dem Zielhafen
näherte, berichtete friedrich Leist seiner Schwägerin schon optimistischer gestimmt:
„Wenn alles gut geht, sind wir heute gegen Mitternacht in Bs. Ich schreibe nach der Pass-
kontrolle ab Montevideo, es war alles in Ordnung. [...] Unsere fahrt war tadellos, 17 Tage,
ganz ohne Beschwerden, immer schönes Wetter. Das Essen brauche ich Dir nicht zu schil-
dern, wir haben, trotzdem wir immer bis zum hals satt waren, keine Mahlzeit ausgelassen.
Dann bloß auf den Strecksessel. Die folgen zeigen sich jetzt, wir kommen in keinen Anzug
herein. Stella zerplatzt bald und ist unfähig, dir zu schreiben, da sie bloß Atem schöpfen
kann.“ 10
Die Ankunft
Da die Emigrantinnen und Emigranten zuvor kaum etwas über Argentinien gewusst hatten,
war die erste Zeit geprägt von einem permanenten Aufeinanderprallen von Vorstellungen und
der Realität. Viele waren schockiert über die Andersartigkeit von Buenos Aires, andere wie-
derum sahen gar nicht so viele Unterschiede beziehungsweise akzeptierten diese teilnahmslos,
wieder andere waren angenehm überrascht von der Modernität und Offenheit der Millionen-
stadt. Erich Spinadel:
„Und dann kamen wir in Buenos Aires an und das war furchtbar, das Ankommen, nach 28
Tagen Schifffahrt, plötzlich eine lärmende Stadt, enge Gassen, eine Sprache, die ich nicht
verstand. Vom hafen hat uns ein ehemaliger Mitarbeiter von meinem Vater abgeholt, der
hat uns mit seinem Wagen hier erwartet. Zuerst einmal an der Uferstraße, an der costanera
entlang geführt und dann auch in der Stadt drin. Der erste Schock, laut, hässlich, lärmend,
ganz anderes Milieu.“ 11
Die Ankunft im hafen von Buenos Aires war zumeist ein Schock und bedeutete eine große
Umstellung, vor allem für die eingewanderten österreichischen frauen und Mädchen. Aufge-
wachsen und sozialisiert im relativ liberalen Roten Wien, sieht man von der Zeit des „Austro-
faschismus“ einmal ab, prallten sie auf die zutiefst traditionellen, von der katholischen Moral
geprägten, italienisch-spanischen Rollenvorstellungen in der argentinischen Gesellschaft. Lizzie
Lobstein, deren Verlobter bereits in Argentinien lebte und sie nachkommen ließ, berichtet im
Interview:
9 Ebd.
10 Ebd.
11 Interview mit Erich Spinadel, florida, Provincia de Buenos Aires, 3.9.2002.
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 1/2015
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 1/2015
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 216
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal