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Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika 179
ten sie argentinischen Boden betreten. heute befindet sich dort das Museo de la Inmigración,
sowie das Archiv der Dirección Nacional de Migraciones.
Eine vollständige zahlenmäßige Erfassung der nach Argentinien emigrierten Österreiche-
rinnen und Österreichern ist äußerst schwierig. Der historiker Jonny Moser, dem die „Aus-
wandererkartei“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien als Grundlage diente, gibt 2.190 Per-
sonen an. (Moser 1999, 62, 72) Eigene Nachforschungen und hochrechnungen im Archiv der
Einwanderungsbehörde ergeben die annähernd gleiche Zahl von österreichischen Passagieren,
die im Zeitraum von 1938 bis 1945 legal auf dem Seeweg einreisten. Nicht unerheblich, hier aller-
dings nicht eingerechnet, ist jedenfalls der Zustrom derjenigen, die ein Visum für Paraguay,
Bolivien oder Uruguay erwerben konnten und entweder kurz nach ihrer Ankunft oder im Ver-
lauf der nachfolgenden Jahrzehnte nach Argentinien weiteremigrierten (siehe Spitzer 1998, XV).
In der Dirección Nacional de Migraciones sind zwar Schifffahrtslisten sowie individu-
elle Karteikarten von 1938 bis 1945 erhalten, doch bei der Auswertung dieser Quellen stellen
sich verschiedene Probleme. Aufgrund der prekären Raum- und Klimaverhältnisse im Archiv
sind einige Listen unleserlich geworden oder verloren gegangen. Die Karteikarten sind zwar
ursprünglich nach Jahr und Anfangsbuchstaben des Nachnamens geordnet, das System ist
allerdings im Laufe der Zeit durcheinander gekommen. folgende zahlenmäßige Darstellung
stellt daher den bestmöglichen Versuch dar.
Die Resultate der Auswertungen der Schifffahrtslisten zeigen, dass bis Kriegsausbruch
mehr als die hälfte der Österreicherinnen und Österreicher über Italien ausreisten. Der mit
Abstand wichtigste, weil Wien am nächst gelegene hafen war Triest, gefolgt von Genua, ham-
burg, Southampton, London, Antwerpen und Rotterdam. Bis zum Kriegseintritt Mussolinis
im Juni 1940 blieben die italienischen häfen die mit Abstand am häufigsten frequentierten.
Ende 1939 öffnete sich vorübergehend eine etwas kompliziert anmutende Emigrations-
route nach Buenos Aires, die durch den „hitler-Stalin-Pakt“ ermöglicht wurde: Einige wenige
gelangten mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, von dort über den japani-
schen hafen von Kobe in einer rund zweimonatigen Schiffsreise über den Pazifik und dann
entweder über den Panamakanal und Atlantik oder dem chilenischen Arica über Bolivien. Mit
dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 und dem japanischen Angriff
auf Pearl harbor im Dezember 1941 verschloss sich aber auch dieser Ausweg.
für diejenigen, die sich noch rechtzeitig aus dem Deutschen Reich retten konnten, wurden
ab 1940 und im folgenden Jahr die häfen der iberischen halbinsel zum wichtigsten und spä-
ter einzigen offenen Tor aus Europa nach Übersee. Über Bilbao, Barcelona, cádiz und Lissa-
bon konnten sich allerdings nur mehr einige wenige, die aus frankreich vor der vorrückenden
Wehrmacht geflüchtet waren, nach Südamerika in Sicherheit bringen.
fast schon unbedeutend ist die Zahl derjenigen Österreicherinnen und Österreicher, die
nach 1941 noch einen Weg nach Argentinien fanden. Einerseits weil sich in NS-Deutschland
im Laufe des Jahres die Vernichtungs- gegenüber der Vertreibungspolitik durchgesetzt hatte,
was sich im generellen Ausreiseverbot für Jüdinnen und Juden im Oktober 1941 manifestierte,
wodurch die im deutschen Einflussbereich Verbliebenen in der falle saßen. Andererseits weil
die zivile Schifffahrt sukzessive eingestellt wurde, Personendampfer für Truppentransporte ein-
gezogen wurden und der Seekrieg die gefährliche Reise über den Atlantik oder Pazifik beinahe
unmöglich machte. (Nigg 2007)
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 1/2015
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 1/2015
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 216
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal