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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
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192 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen Die Vertriebenen schließen sich in der Folge zusammen, um Dolasilla mit einer List des Zauberers Spina de Mul (Eselsgerippe) zu besiegen. Diese Niederlage fĂŒhrt zum RĂŒckzug der Fanes ins Innere der Berge, wo sie auf den letzten Helden Lidsanel warten, der jedoch dreimal die Chance verpasst, sie aus dem Berg zu holen. Karl Felix Wolff, der einen Großteil seines Lebens in Bozen verbrachte und der deutschen Sprachgruppe angehörte, hörte als Kind die ErzĂ€hlungen des HausmĂ€dchens und begann 1903 mit der systematischen Sammlung ladinischer ErzĂ€hlungen, die er ab 1908 veröffentlichte (Bernardi/Videsott 2014: 45). Die erste gesammelte Version der Dolomitensagen wurde 1913 veröffentlicht, anschließend erschien Wolffs Sammlung in mehreren aufeinander folgenden und teilweise ĂŒberarbeiteten Auflagen wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges auf Italienisch und nach 1950 wieder auf Deutsch. Die „ErzĂ€hlungen vom Reich der Fanes“ erschienen zum Teil in gekĂŒrzter Form bereits vor den Dreißigerjahren unter Pseudonym; Wolff veröffentlichte die ErzĂ€hlungen 1932 erstmals auf Italienisch unter seinem Namen und integrierte sie im Jahr 1941 in die Gesamtausgabe der Dolomitensagen (Kindl 1997: 9). Die erste vollstĂ€ndige Textausgabe erschien 1957 mit der neunten deutschsprachigen Auflage (Wolff 1957). Wolff lag in seiner SammeltĂ€tigkeit nicht daran, eine vollstĂ€ndige Sammlung ladinischer Sagen zu erstellen. So fehlen bei ihm gĂ€ngige Gestalten der ladinischen Sagen, etwa „Butterhe- xen, die Marksteinrucker, die schĂ€tzehĂŒtenden Ungeheuer“ (Kindl 1983: 55), wohl auch weil er diese Art von Sagen bei der Anlage seiner Sammlung ignorierte, da sie auch in anderen Samm- lungen erwĂ€hnt werden (ebd.). Gerade bei den Sagen der „ErzĂ€hlungen vom Reich der Fanes“ habe sich Wolff auf „Geschichten und ErzĂ€hlungen, die ihn faszinierten“ (Kindl 1983: 22), kon- zentriert. Der Schwerpunkt lag auf Ă€tiologischen Sagen (Kindl 1997: 192), die eine „ErklĂ€rung fĂŒr gewisse auffallende reale Gegebenheiten“ der eigenen Umwelt geben (Ranke 1969, nach Bernardi/Videsott 2014: 44). Wolffs Quellen waren dabei die einfache Bevölkerung, der er auf seinen Wanderungen im Dolomitenraum begegnete, vor allem jedoch sechs Personen aus dem Fassatal, dem Grödental, dem Gadertal und Brunico-Bruneck (Bernardi/Videsott 2014: 49). Einige der Fragmente können „durch Parallelaufzeichnungen, etwa bei Jan Batista Alton oder Hugo de Rossi“ rekonstruiert werden (Bernardi/Videsott 2014: 34). Andere wiederum lassen sich nicht wiederherstellen, obwohl Wolff mit authentischen Überlieferungen (Kindl 1997: 124) arbeitete. Dies ist auch damit zu begrĂŒnden, dass Wolff eine stark mĂŒndlich geprĂ€gte ErzĂ€hl- kultur vorfand (Bernardi 2018: 171–172), deren Sagenkomplexe zum Teil nur mehr fragmen- tarisch bestanden und auch von den erzĂ€hlenden Personen nicht mehr vollstĂ€ndig verstanden wurden (vgl. Kindl 1997: 131; Bernardi 2018: 163). Die Fragmente, die Wolff sammelte, blieben nicht in ihrer ursprĂŒnglichen Form. Er hatte um 1900 von einem „alten gesamtladinischen Epos, das in den Bergen von Fanes angesiedelt ist“, erfahren (Bernardi/Videsott 2014: 49), was wohl zum Irrglauben fĂŒhrte, seinen Fragmenten liege ein „Dolomitenepos“ (Kindl 1997: 124) Ă€hnlich dem Nibelungenlied zugrunde. Dies wurde wohl auch dadurch unterstĂŒtzt, dass Wolffs Informant*innen von „alten Überlieferungen“ (Kindl 1983: 22) sprachen. Wolff war zudem ideologisch-politisch motiviert: Es war ihm ein Anliegen, zu beweisen, „dass die Ladiner ein selbststĂ€ndiges Volk seien und von den alten RĂ€tern und weniger von den Römern (was eine grĂ¶ĂŸere NĂ€he zu den Italienern bedeutet hĂ€tte) abstammten“ (Ber- nardi/Videsott 2014: 49). Ein Epos im Stil des Nibelungenliedes wĂ€re dem zutrĂ€glich gewesen. Aus der Motivation heraus, die Fragmente zu einem Ganzen zusammenzufĂŒgen, frei im Glauben „mit dem Geiste, der die Poesie der Dolomitenbewohner durchweht, vertraut geworden
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
Title
>mcs_lab>
Subtitle
Mobile Culture Studies
Volume
2/2020
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2020
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
270
Categories
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