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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen 193
zu sein“ (Wolff 1957: 11), bearbeitete er das ursprüngliche Material stark. Das Ergebnis sind zwei
Vermischungen: Erstens verband Wolff Sagen aus zwei ladinischsprachigen Regionen, dem
Fassatal und dem Ampezzo-Gebiet; es ist nicht wahrscheinlich, dass die Fragmente, die Wolff
bearbeitete, ursprünglich zusammenhingen (Kindl 1997: 125). Zweitens führte er die Erzäh-
lungen aus dem ladinischen Dolomitenbereich mit „Strukturen nordischer Heldendichtung“
(Kindl 2002: 195) zusammen.
Die „Erzählungen vom Reich der Fanes“ sind innerhalb des Alpenraumes, insbesondere in
Nord-, Ost- und SĂĽdtirol, sehr bekannt und weit verbreitet, was sich auch in literarischen Neu-
bearbeitungen von Vertreter*innen der neueren Literatur aus Alto Adige-SĂĽdtirol (u.a. Pichler
1992; Morlang 1994; Dal Lago Veneri 2008; vgl. Bernardi 2018: 175–180) zeigt.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Wolffs Dolomitensagen und insbesondere den
„Erzählungen vom Reich der Fanes“ stellt — ähnlich wie die Beschäftigung mit ladinischer
Literatur, zu der erst 2014 erstmals eine groĂź angelegte Literaturgeschichte herausgegeben wurde
(Bernardi / Videsott 2014), — ein Nischeninteresse dar. Die wohl wichtigsten Beiträge zur lite-
raturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sagenzyklus stammen von Ulrike Kindl,
einerseits in Form von Artikeln (1981, 2001) andererseits in Form von Monografien (1983, 1997).
Ihre textkritische Lektüre der Dolomitensagen beschäftigt sich umfassend mit Wolffs Arbeits-
weise im Rahmen der Textgenese und im zweiten Band gesondert mit den „Erzählungen vom
Reich der Fanes“ (1997). Auch Bernardi und Videsott (2014) behandeln Wolffs „Erzählungen
vom Reich der Fanes“ im Rahmen ihrer ladinischen Literaturgeschichte. Sie beurteilen seine
Sammeltätigkeit, die er ab 1903 systematisch durchführte, als einen der bedeutendsten Beiträge
„zum Erhalt der ladinischen Sagen“ (Bernardi/Videsott 2014: 45) durch die Tradierung von
mündlich überlieferten Sagen als „Ursprung der ladinischen Literatur“ (Bernardi 2018: 163).
Die Faszination für die Sagenwelt der Fanes lädt weiters zur philosophischen Reflexion
der Bedeutung der Berglandschaft für die (über-)regionale Identitätsbildung (Leitner 2013) ein;
auch die Rolle des Weiblichen in den lijendes wurde untersucht (Kindl 2001; Göttner-Aben-
droth 2016). Die „Erzählungen vom Reich der Fanes“ stoßen daneben auf populärwissenschaft-
liches Interesse. Dies zeigt sich etwa an WanderfĂĽhrern (z.B. Brugger 2019) oder an Adriano
Vanin, der seine Recherchen und Überlegungen zum „Reich der Fanes“ umfassend auf der
Webseite „Il regno dei Fanes“ (Vanin 2014) dokumentiert. Die Ergebnisse seiner intensiven
Auseinandersetzung publizierte er 2013 im italienischen populärwissenschaftlichen Verlag Il
Cerchio (Vanin 2013).
Die „Erzählungen vom Reich der Fanes“ als Reiseliteratur
Die „Erzählungen vom Reich der Fanes“ sind keine Reiseliteratur im engen Sinn, wie Thompson
(2011) es etwa fĂĽr den Ansatz Paul Fussells beschreibt. Dieser definiert Reiseliteratur mit einem sehr
starken Fokus auf „travel books“ als autobiografisch geprägte Erzählungen, die aus einem direk-
ten Erlebnis der Erzählfigur schöpfen und direkten Bezug zur Wirklichkeit herstellen (Thom-
pson 2011: 14). Die lijendes zählen einer solchen Definition zufolge nicht zur Reiseliteratur, unter
anderem da es sich dabei nicht um autobiografische Erlebnisse handelt, sondern vielmehr um
Zeugnisse eines oral überlieferten kollektiven Gedächtnisses, die zudem stark bearbeitet wurden.
Betrachtet man Reiseliteratur aus einem breiteren Verständnis heraus, wird es hingegen
möglich, die lijendes als solche zu betrachten. Thompson beschreibt Reiseliteratur unter dem
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal