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202 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen
der Latrónes“ (Erzählung Nr. 31) sind vollkommen darin angesiedelt und rahmen die Haupt-
handlung der „Erzählungen vom Reich der Fanes“ ähnlich wie die Erzählungen Nr. 2 und 25.
Ulrike Kindl hält als Ergebnis ihrer textkritischen Analyse der „Erzählungen vom Reich
der Fanes“ fest, dass die beiden ursprünglichen fassanischen und gadertalerisch-ampezzani-
schen Sagenkerne mittels drei Figuren verbunden werden: Ey-de-Net, Odolghes und durch
Odolghes Lidsanel (Kindl 1997: 176). Alle drei Figuren stammen ursprĂĽnglich aus dem fass-
anischen Raum, worauf die Namen der Figuren, z.B. Odolghes Beiname „Sabya-da-fög“,
schließen lassen (Kindl 1997: 176). Wolff habe bis 1920 „mit fast ausschließlich fassanischem
Material“ gearbeitet (Kindl 1997: 198) und konzentrierte sich erst nach 1920, wohl durch den
Kontakt mit dem Brunecker Karl Staudacher, stärker auf das Gadertal und Ampezzo,7 wobei
eine Vermischung des ursprĂĽnglichen Stoffes stattfand.
Ey-de-Net, Odolghes und Lidsanel werden alle drei zu Anfang ihrer jeweiligen Handlungs-
stränge im Fassatal verortet. Odolghes spielt im Sagenzyklus nur in der Erzählung „Das Waf-
fenspiel von Contrin“ (Nr. 29) eine Rolle, wo er zunächst seine Königswürde aufgrund eines
Überfalls durch eine andere Bevölkerungsgruppe verliert und nach 30 Jahren wiedererlangt,
indem er die Usurpatoren im Zuge eines Wettkampfes vertreibt. Lidsanel wird am Morgen
nach diesem in einer „qualmenden Brandstätte“ (Wolff 1957: 544) gefunden. Odolghes wird in
der Folge Lidsanels Ziehvater (Wolff 1957: 544).
Ey-de-Net stammt vom Volk der Duranni ab und geht zunächst namenlos — ähnlich einer
Âventiure, eine „von ihm [dem Helden] aus eigenem Antrieb gesuchte und durch wunderbare
Fügung für ihn allein bestimmte gefahrvolle Bewährungsprobe“ (Kasten/Merstens 1980: 1289)
im Zuge einer Heldenreise in der mittelalterlichen Literatur — auf Wanderschaft, um sich zu
beweisen und einen Namen zu verdienen (Erzählung Nr. 4, „Spina de Mul“). Im Anschluss
daran tritt er als Feldherr auf (Erzählung Nr. 10, „Die Schlacht von Fiames“) und wird in wei-
terer Folge zum Schildknappen und Geliebten Dolasillas (Erzählung Nr. 12, „Ey-de-Net und
Dolasilla“). Der König der Fanes verhindert eine Hochzeit zwischen Ey-de-Net und Dolasilla
und schickt ihn schließlich ins Exil („Die Verblendung“, Nr. 13; „Der Elfenspruch“, Nr. 15), was
zum Untergang der Fanes fĂĽhrt (Kindl 1997: 198).
Ey-de-Net bewegt sich, wie Abb. 4 mit linearen Pfaden abbildet, in groĂźen Schritten durch
den gesamten Raum der „Erzählungen vom Reich der Fanes“. Er unternimmt dabei weite Wan-
derungen zu Schauplätzen magischen Geschehens. So tragen die drei am weitesten entfernten
Berge, der Monte Amariana, der Berg Civetta und der Latemar, heilige bis magische Stätten.
Der Monte Amariana ist in der Erzählung „Der Tag von Fià mes“ (Nr. 10) Schauplatz eines
Rituals vor der Schlacht: „Ey-de-Nét aber hatte noch am vorletzten Morgen den heiligen Berg
Amariána bestiegen und die aufgehende Sonne begrüßt, wie er vor jedem Feldzuge zu tun
pflegte“ (Wolff 1957: 496). In „Auf dem dunklen Migoyn“ (Nr. 11) legt Ey-de-Net einen weiten
Weg zurĂĽck, um Rat zu finden, wie er in Dolasillas Gefolge aufgenommen werden kann, nach-
dem er zunächst auf dem Schlachtfeld gegen sie angetreten ist. Er sucht drei magische Wesen
auf — eine Anguana, eine Wasserfrau oder eine Art Nymphe; den „Wögl dale Welme“ (Wolff
1957: 501), einen weisen Alten und schlieĂźlich die Hexe Tsikuta, die auf einem verzauberten
7 Staudacher arbeitete an einer lyrischen Fassung der Erzählungen, die in den Dreißigerjahren vollendet, jedoch
erst 1994 unter dem Titel „Das Fanneslied“ veröffentlicht wurde (Staudacher 1994). Wolff zitiert in seinen Dolo-
mitensagen Teile von Staudachers Text, was auf engen Kontakt der beiden schließen lässt (Kindl 1997: 106).
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal