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208 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Erika Unterpertinger | Kartografierte Sagen
die Kindl identifiziert hat. ErzÀhlungen, in denen Reisen mit dem Zweck unternommen wer-
den, BĂŒndnisse zu schlieĂen, bilden eine Art Rahmen fĂŒr Reisen im Rahmen einer Kriegs-
handlung. So machen sieben lijendes rund um geschlagene Schlachten den Kern der âErzĂ€h-
lungen vom Reich der Fanesâ aus, angefangen bei âDie Kriegerinâ (Nr. 9) und âDie Schlacht
von Fiamesâ (Nr. 10), in dessen Rahmen Ey-de-Net gegen Dolasilla kĂ€mpft, zu ErzĂ€hlungen
von Schlachten, die sie gemeinsam schlagen (âDie dreizehn Pfeileâ, Nr. 16; âDie VerfĂ€rbungâ,
Nr. 17) bis hin zur letzten Schlacht, in der Dolasilla tödlich verwundet wird (âDie Schlacht auf
Prelondyaâ, Nr. 18): âMit Ă€uĂerster MĂŒhe vermochten die Tapfersten der FĂ nes ihre Heldin dem
GetĂŒmmel zu entreiĂen und mit ihr den TeryĂČl (den alten Weg)9 zu gewinnen, der hinĂŒber-
fĂŒhrte auf die Burg an den ConturĂnesâ (Wolff 1957: 319).
Diese Schlachten sind auf Abb. 7 im Bereich rund um St. Kassian angesiedelt: Da die
âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ vorrangig im gadertalerisch-ampezzanischen Gebiet ver-
ortet sind, werden dort die meisten Kriegshandlungen beschrieben, im Zuge dessen die Fanes
ihr Reich ausbauen.
Auf Abb. 7 links finden sich die Reisen, die aufgrund von Kriegshandlungen im Rahmen
der lijendes rund um Lidsanel unternommen werden. Sie konzentrieren sich auf das hintere
Fassatal, da Lidsanel, wie bereits diskutiert, das Fassatal nicht verlĂ€sst â oder verlassen kann,
weil er den Auftrag der Königin der Fanes nicht erfĂŒllt.
Das dritthĂ€ufigste Motiv fĂŒr eine Reise in den âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ ist die
Suche nach SchÀtzen. Reisen, die unternommen werden, um SchÀtze zu suchen, konzentrieren
sich auf das fassanische Gebiet, wie auf Abb. 8 in Magenta zu sehen ist: Dorther stammen
Dolasillas Zauberwaffen (âDer Silber-Seeâ, ErzĂ€hlung Nr. 7) und dort verpasst es Lidsanel drei-
mal, dieselben wiederzuerlangen (âDer letzte der LatrĂłnesâ, ErzĂ€hlung Nr. 31).
Die Ăberlappung der drei hĂ€ufigsten Motive fĂŒr Reisen zeigen, wo Wolffs Anlehnung
an âStrukturen nordischer Heldendichtungâ (Kindl 2001: 195) besonders deutlich hervortreten
könnten. Das Narrativ des BĂŒndnisses wird zum Bindeglied zwischen den âmerkwĂŒrdigen
BruchstĂŒcke[n] der ladinischen Ăberlieferungâ (Kindl 2001: 195) aus dem Fassatal, dem Gader-
tal und dem Ampezzo. Motive mittelalterlicher Heldendichtung fallen dabei ins Auge: Hierzu
zĂ€hlt die Struktur der Ăventiure, die sich in den Figuren Ey-de-Net und Lidsanel zweimal
vollzieht. Im Falle von Ey-de-Net gelingt sie â er âmachtâ sich buchstĂ€blich einen Namen in
der ErzĂ€hlung âSpina de Mulâ (Nr. 5) und wird Teil von Dolasillas Gefolge â, im Falle von
Lidsanel scheitert sie. Dies kann auch damit zusammenhÀngen, dass die lijendes rund um
Lidsanel stilistisch eine VerÀnderung erfahren: Sie gehen von einer archaischen Vorstellungs-
welt ĂŒber in eine âunserer heutigen imaginatio mundi viel nĂ€here [âŠ] Zeitâ (Kindl 1997: 206),
werden fĂŒr ein modernes Publikum verstĂ€ndlicher. Es ist möglich, dass Wolff bei den letzten
ErzÀhlungen rund um Lidsanel starke Eingriffe in den Stoff im Rahmen seiner Bearbeitung
vorgenommen hat. Durch den verÀnderten Stil und die fehlende geografische Verbindung zu
den vorausgegangenen âErzĂ€hlungen vom Reich der Fanesâ wirken die ErzĂ€hlungen rund um
Lidsanel vom Sagenzyklus abgetrennt. Dieser Eindruck wird durch die ErzÀhlung einer schei-
ternden Ăventiure verstĂ€rkt.
9 Der TeryĂČl ist darĂŒber hinaus ein Beispiel fĂŒr ein Toponym, das keinem realen Ort zugeordnet werden konnte, da
der Flurname, der vermutlich die Vorlage hierfĂŒr darstellt, nicht von den Personen identifiziert werden konnte,
die mir bei der Identifikation der meisten Namen geholfen haben.
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal