Page - 221 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
Image of the Page - 221 -
Text of the Page - 221 -
Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 221
Prosatexte bĂŒrgerlicher Autoren wie Alain-RenĂ© Lesage und Jean-Jacques Rousseau (Le Diable
boiteux; Ămile et Sophie, ou Les Solitaires) bis hin zu romantischen Opernlibretti von Angelo
Anelli und Felice Romani fĂŒr Rossinis Lâitaliana in Algeri und Bellinis Il pirata (vgl. u.a.
Moureau 2008; Klarer 2020).
Jean-François Regnard: Libertin, Reisender, Theaterautor
Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden eine spezifische EntfĂŒhrungsgeschichte des spĂ€ten
17. Jahrhunderts im Zentrum stehen. Es handelt sich um eine âmissglĂŒckteâ Grand Tour, bei der
ein von Genua nach Marseille steuerndes britisches Schiff in die HĂ€nde osmanischer Freibeuter
gelangt. Auf ihm befinden sich zwei wohlgebildete wie wohlhabende Reisende, Jean-François
Regnard (1655â1709) und Claude Auxcousteau de Fercourt (1653â1734), deren gemeinsame Ita-
lienreise sowie die folgende EntfĂŒhrung und Gefangenschaft in Algier von Oktober 1678 bis
Mai 1679 belegt ist (Turbet-Delof 1973, 252). Die beiden verfassen nach ihrer RĂŒckkehr nach
Frankreich eine ErzÀhlung und einen Bericht, Regnards La Provençale und Fercourts Relation
de lâesclavage des sieurs de Fercourt et Regnard, deren Entstehung unterschiedlich datiert
wird: die Regnards meist zwischen den 1680er und 1700er Jahren, die Fercourts jedenfalls spÀ-
ter (Requemora 2013, 285â286).
Guy Turbet-Delof hat vor dem Hintergrund dieser Ungewissheiten bereits frĂŒh die Praxis
problematisiert (1973, 252â255), Regnards Text mittels historischer Ereignisse zu datieren oder
seine Figuren, Beschreibungen und Handlungsmomente auf Erlebnisse in Algier zurĂŒckzu-
fĂŒhren. Er hat nicht nur betont, dass La Provençale untypisch fĂŒr Regnards Reiseberichte sei,
sondern gar die These aufgestellt (1970, 474â475), dass der Text womöglich nicht von Regnard
stamme, sondern erst nach dessen Tod als Parodie auf ihn entstanden sein könnte. Analog legt
er nahe, dass Fercourts Text auch erst unter dem Eindruck der ErzÀhlung des prominenten
Regnard geschrieben worden, gemeinsame Bildinventare also auf die LektĂŒre von La Proven-
çale zurĂŒckzufĂŒhren sein könnten. Fest steht so nur, dass beide Texte erst posthum publiziert
werden, Regnards ErzĂ€hlung erstmals 1731, Fercourts Bericht 1847, also ĂŒber 100 Jahre spĂ€ter.
Fercourts detaillierter, v.a. auf Ă€uĂere Ereignisse eingehender Text wird ab 1905 durch einen das
europÀisch-orientalistische Bildinventar klar konnotierenden Untertitel ergÀnzt: pris sur mer
par les corsaires dâAlger, auf dem Meer von den Korsaren Algiers erfasst.2
Auch wenn die Autorschaft beider Texte inzwischen als weitgehend unstrittig gilt, so sind
Turbet-Delofs Thesen auch heute noch hilfreich, um den Charakter von Regnards La Pro-
vençale zu fassen. Die ErzÀhlung soll hier als intermedial dichter Text eines weitgehend in
Vergessenheit geratenen europÀischen Erfolgsautors im Mittelpunkt stehen. Sie beschrÀnkt
sich keineswegs auf eine transmediterrane EntfĂŒhrungsgeschichte, sondern rekurriert in der
Linie etablierter literarischer Konventionen u.a. auf die villégiature im Pariser Umland und die
Kavalierstour nach Italien, sprich: sie bietet eine Ballung populÀrer Bildinventare des 17. Jahr-
hunderts. La Provençale reflektiert so den Status Regnards als in seiner Jugend vielgereister,
belesener und lustbetonter Libertin, der als frĂŒher Erbe eines reichen Pariser FischhĂ€ndlers mit
2 Fercourts Text hÀlt u.a. fest, dass er und Regnard eine Provenzalin in Bologna kennengelernt und sie nach der
Gefangennahme gemeinsam nach ArlĂšs zurĂŒckgebracht hĂ€tten. Er verweist auch auf einen gemeinsamen Flucht-
versuch sowie darauf, dass Regnards Besitzer brutal gewesen sei und mit Imona nur eine Sklavin gehabt hÀtte.
Zu einem vergleichenden Blick siehe zuletzt u.a. Blanc (2012, 30ff.) und Requemora (2013, 283ff.).
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal