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224 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
kreisen und sich aus unterschiedlichsten Bildinventaren der FrĂŒhen Neuzeit, insbesondere des
17. Jahrhunderts speisen. So stattet Regnard seine ErzÀhlung, die nur knapp 45 Seiten umfasst,
mit stereotypen Figuren und GefĂŒhlen sowie wiederkehrenden Bildern und Wendungen aus,
die trotz aller Wirrnisse und Ortswechsel konstant bleiben. Indem er ein breites Spektrum
vorgeprĂ€gter Bilder akkumuliiert, entsteht eine Ă€uĂerst hybride Form, die einen ironisch-liber-
tinĂ€ren Blick auf Zeittrends verrĂ€t. Regnard parafrasiert dabei populĂ€res Wissen ĂŒber Reise-
destinationen und Topographien, ganz im Stil von Berichten und Historiographien des 17.
und 18. Jahrhunderts, die nicht auf Basis von Reiseerfahrung, sondern von SchreibtischlektĂŒre
entstanden sind.
Vor diesem Hintergrund wird La Provençale im Folgenden als âmobilesâ Pastiche, als sati-
risch-imitierender Text verstanden, der eine semantische, affektive und formale Distanz zum
oft umfangreichen galant-zÀrtlichen Roman der Zeit einnimmt (Dyer 2006, 4). Der Pastiche-
Charakter der ErzÀhlung verdankt sich dabei nicht nur der Raffung und Paraphrase des code
tendre, sondern eines âpatchwork or medly of borrowed stylesâ (Wales 2001, 286), sprich: popu-
lÀrer Bilder diverser Provenienz. Regnard praktiziert so mit seiner Provençale eine satirische
âRééc/ritureâ literarischer, medialer und kultureller Konventionen (Requemora 2007). So soll
nun im Folgenden im Fokus stehen, wie sich die diversen intermedialen Bezugnahmen bei Reg-
nard zu einem vielschichtigen Pastiche verbinden. Dabei wird analysiert, wie ĂŒber Referenzen
auf etablierte Gattungen und Texte mobile Bildinventare der Grand Tour und der Freibeuterei,
der Galanterie und des Orientalismus kombiniert werden, aber auch wie der wohlsaturierte
Libertin Regnard dem Geschmack fĂŒr periphere Destinationen und exzentrisch-einsames Rei-
sen selbstironische ZĂŒge abgewinnen kann.
Bildgebende Gattungen und Affektpoetiken
Dass sich Regnard an populÀren Bildinventaren abarbeitet, wird schon ganz zu Beginn von La
Provençale ĂŒber die Referenz auf die Tradition der mediterranen Novellensammlung mit Rah-
menhandlung deutlich. Hier versammelt sich vor den Toren Paris ein galantes Ensemble aus
Damen, eine âbelle troupeâ, die in den LandgĂŒtern von Eurilas vor den Toren Parisâ einige Tage
verbringt (475). Dies geschieht wie bei rezenteren französischen Novellensammlungen, etwa
Marguerite de Navarres Héptameron (1559) und Jean Regnault de Segrais Nouvelles françaises,
ou les divertissements de la princesse Aurélie (1657), nicht aus existentiellen Notwendigkeiten
wie etwa der Pest, sondern um im Zeichen von âamourâ und âplaisirâ, Liebe und VergnĂŒgen,
die âassemblĂ©e du monde la plus charmanteâ, die reizendste Versammlung der Welt zu formen
(475), sprich: sich am Lande mit Fischen, Jagd, SpaziergÀngen und eben dem ErzÀhlen die Zeit
zu vertreiben. Im Zentrum steht dabei eine Gruppe von Damen, die sich unter einem Lauben-
gang von Heckenkirschen vor der Hitze schĂŒtzt und ĂŒber die VorzĂŒge des Landlebens unter-
hĂ€lt. SchlieĂlich kommt man auf das Reisen zu sprechen und die Figur der ClĂ©omĂšde bietet die
neuesten Abenteuer des allen bekannten Zelmis dar:
[...] ich bin hinlÀnglich mit Zelmis befreundet, meine Damen, um mir schmeicheln zu können,
dass er mir von alldem, was ihm widerfahren ist, nichts verheimlicht hat, und von seiner guten
Absicht ĂŒberzeugt genug, um Ihnen versichern zu können, dass nichts Fabelhaftes in meine ErzĂ€h-
lung einflieĂen wird. Dies lĂ€sst mich hoffen, dass die einzigartigen Ereignisse, von denen Sie hier
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal