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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 225
erfahren werden, umso mehr Ihren Gefallen finden werden, denn wenn sie nicht mit der gröĂtmög-
lichen Feinheit erzĂ€hlt werden sollten, so werden sie zumindest von der Wahrheit gestĂŒtzt.4
CléomÚdes ErzÀhlhaltung deutet schon den ironisch-pastichehaften Charakter von La Proven-
çale an, indem sie Topoi frĂŒhneuzeitlicher Novellen-Vorwörter wie die der Bescheidenheit, der
exemplarischen Begebenheit und der Wahrheit zitiert, die in Abgrenzung zum MĂ€rchenhaften
positioniert werden. So wendet sich Regnard mittels populĂ€rer BezĂŒge an das neue weibliche
Publikum der galant-zĂ€rtlichen Mode â gespiegelt durch ClĂ©omĂšde und die sie umgeben-
den Freundinnen, die auch im weiteren Verlauf der ErzÀhlung hÀufig direkt adressiert werden.
Dabei wird Regnards ironischer Ton v.a. dadurch deutlich, dass das (Nach-) ErzÀhlen von Zel-
mis Abenteuern in La Provençale freilich, entsprechend dem oben beschriebenen Zeittrend des
code tendre und des galant-zĂ€rtlichen Romans, im Zeichen der AusschmĂŒckung ausgefallener
Erlebnisse und zarter Empfindungen und entsprechender Zuspitzungen, Ăbertreibungen und
Auslassungen steht.
Dieses Prinzip der ironisch-intermedialen Distanznahme zeigt sich nicht nur in der Rah-
men-, sondern auch in der Binnenhandlung. Gleich zu Beginn wird hier Zelmis eingefĂŒhrt, wie
er in Genua spĂ€t abends das britische Schiff betritt, das ihn ĂŒber Marseille zurĂŒck nach Hause
bringen soll. Dabei erscheint er sogleich als âtriste et rĂȘveurâ (476), als trauriger TrĂ€umer, der
das nicht zu schwach, aber auch nicht zu stark bewegte Meer fokussiert. Die See bringt so die
âMutter aller Liebeâ (Aphrodite) hervor, die Wellen nehmen eine stolze Form an und werden
zum Sinnbild fĂŒr die romaneske Affektpoetik im Zeichen des galant-tendre, sprich: die Harmo-
nie von Geist und Liebe, die sich in einem âmittlerenâ natĂŒrlich-eleganten Stil reflektieren soll:
[...] wir sahen sie in jenem Zustand, in dem alle Welt sie zu sehen wĂŒnscht, wenn ein leichter Wind
sie bewegt, und so wie sie war, als sie die Mutter aller Liebe bildete. Er gab sich TrÀumereien hin,
die den sanften Wellen entspringen, die wiederum, wenn sie gegen das Schiff branden, als Zeichen
ihres Stolzes jenen Meeresschaum hinterlassen, der es umgibt. Er dachte an die liebenswerte Elvire,
die er unendlich liebte, und die er womöglich fĂŒr immer verlieĂ. HĂ€tte ich nicht, sagte er, sein Los
beklagend, jemanden in meiner Heimat finden können, in der es so viele edle Personen gibt, der
mich aufhÀlt? Musste ich denn die Meere durchqueren, um zu lieben und so weit entfernt eine Ver-
bindung eingehen, um dieser sogleich wieder entsagen zu mĂŒssen?5
Sobald Zelmis in Form innerer Monologe in den Fokus der ErzÀhlung gerÀt, wird er deut-
lich als von zĂ€rtlichen GefĂŒhlen und Introspektion bestimmter Zeitgenosse erkennbar, der
von der Begegnung mit Elvire am italienischen Festland völlig mitgenommen ist. Er ist also
alles andere als ein geistreicher und austarierter Charakter im Stil eines gut performierenden
4 â[...] je suis assez ami de Zelmis, mesdames, pour me flatter quâil ne mâa rien cachĂ© de tout ce qui lui est arrivĂ©,
et assez persuadĂ© de sa bonne foi pour vous assurer quâil nâentre rien de fabuleux dans ce que je vais vous dire;
câest ce qui me fait espĂ©rer que les Ă©vĂšnements singuliers que vous y trouverez vous plairont infiniment davantage,
puisque, sâils ne sont pas racontĂ©s avec toute la dĂ©licatesse possible, ils seront du moins soutenus de la vĂ©ritĂ©.â (476;
Ăbersetzungen aus dem Text hier und im Folgenden von D.W.)
5 â[...] on la voyait dans lâĂ©tat que tout le monde la souhaite, lorsquâun vent modĂ©rĂ© lâagite, et comme elle Ă©tait
quand elle forma la mĂšre des Amours. Il sâabandonnait aux rĂȘveries quâinspirent ces vagues lĂ©gĂšres qui, venant Ă se
briser contre le vaisseau, y laissent, pour marque de leur fierté, cette écume dont on le voit environné. Il songeait
Ă lâaimable Elvire, quâil aimait infiniment, et quâil quittait peut-ĂȘtre pour jamais. Ne pouvais-je, disait-il en se
plaignant, trouver dans ma patrie, si pleine de belles personnes, un objet qui pĂ»t mâarrĂȘter? Fallait-il passer les
mers pour aimer, et me faire si loin un engagement auquel il faut renoncer sitĂŽt?â (476â477)
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal