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228 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
Seine Unruhe erlaubte es ihm nicht, länger an einem Ort zu bleiben, und ähnlich den Menschen,
die von einer langen Schlaflosigkeit geplagt werden, suchte er seine Ruhe in der Unrast. Er ĂĽber-
querte den Ă–resund und begab sich nach Stockholm, zu der Zeit, als der ganze Hofstaat in Freude
war, weil die Königin mit ihrem Neugeborenen im Wochenbett lag.7
Regnard kreiert so mit dem sich stets in Bewegung haltenden Zelmis auch eine satirische Form
der Mise-en-abyme, denn umso mehr die Handlung voranschreitet umso deutlicher multi-
plizieren sich in La Provençale nicht nur die intermedialen Bezüge, sondern es steht auch der
gesamte Verlauf der Handlung unter dem Vorzeichen der Beschleunigung, d.h. einem zuneh-
menden Ungleichgewicht zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Wir erfahren so, nach Zelmis
Abfahrt von Paris, auf zwei Seiten den gesamten Rest der Handlung. Dabei rafft nicht nur der
Autor Regnard, sondern auch die Erzählerin Cléomède als dessen textinterne Spiegelung: Sie
adressiert ihre Zuhörerinnen und kündigt die Reise des gentilhomme Zelmis, „si plein de nou-
veautés“, zwar als Abenteuer an (518–519), verschiebt deren ausführliche Erzählung aber unter
Verweis auf den Topos, die Zuhörerinnen nicht langweilen zu wollen, auf ein andermal. So
werden lediglich rudimentäre geographische Anhaltspunkte der stationenreichen Reise aufge-
zählt, die zahlreiche große Städte und prestigereiche Königshöfe mit entlegensten Landstrichen
kombiniert. Im Zeichen von Raffung und Beschleunigung wird so der Zeittrend exotischer
und extravaganter Reiseberichte konterkariert. Die Leser_in wird hier in ferne Destinationen
gefĂĽhrt, allerdings ohne dass das Bildinventar konkreter Orte und Landstriche entfaltet wĂĽrde:
Zelmis reist von Amsterdam, Hamburg und Kopenhagen ĂĽber Sund, Stockhom und Torno
an den Nordpol und nach Lappland, zurĂĽck u.a. ĂĽber Danzig und Javarow. AnschlieĂźend, so
erfahren wir, fährt er wieder los, in die Türkei, nach Ungarn und Deutschland. Doch schließ-
lich des Reisens mĂĽde, kehrt Zelmis nach zwei Jahren nach Frankreich zurĂĽck:
Aber was nutzte es ihm, in die Ferne zu fliehen, wenn er nicht vor sich selbst fliehen konnte und
sein Kummer ihn nicht loslieĂź? Gewiss fand er einen anderen Ort, aber eben keinen Gleichmut,
und er hätte ihn nicht einmal finden wollen. Nach zwei Jahren der Abwesenheit kehrte er schließ-
lich nach Frankreich zurĂĽck, um eben am Ursprung seines Leidens Linderung zu suchen.8
Zelmis, das wird hier deutlich, wird zwar auf den letzten Seiten vielfach in Bewegung gesetzt,
aber das Reisen bringt nicht nur keine mobilen Bildinventare, sondern auch keinerlei Bildungs-
zuwachs und innerer Reife mit sich. Das Unterwegssein erscheint hier als Ironisierung des
Grand Tourisme einer wohlhabenden, aber unglĂĽcklichen Figur, die so nicht einmal eine Kal-
mierung ihrer GefĂĽhle erreichen kann, ja ihre GefĂĽhle fĂĽr Elvire nicht einmal in GleichgĂĽltig-
keit verwandeln will. Damit erscheint das Reisen ganz und gar im Zeichen der Selbstkultivie-
rung eines Protagonisten, der als Zitat des galant-zärtlichen Trends nicht aus seiner Haut kann.
Der letzte Satz des obigen Zitats deutet schon an, dass die Figur an dem Ort, wo sie ihre
tiefe Kränkung erfahren hat, nun eine Erleichterung erleben wird. Der Verlauf der restlichen
7 „Son inquiétude ne lui permettait pas de demeurer plus long-temps en un même lieu; et, semblable à ces gens
qui sont travaillĂ©s d’une longue insomnie, il cherchait son repos dans son agitation. Il passa le Sund et se rendit Ă
Stockholm, dans le temps que toute la cour était en joie des premières couches de la reine.“ (518)
8 „Mais que lui servait de fuir loin, s’il ne pouvait se fuir lui-même, et s’il était inséparable de son chagrin?
Il trouvait bien d’autres lieux, mais il ne rencontrait point l’indifférence; et il n’aurait pas même voulu la trouver. Il
revint enfin en France, après deux ans d’absence, pour chercher du soulagement au lieu même où il avait pris le mal.“
(519)
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal