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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 229
Handlung wird nun in nicht mehr als einem Absatz beschrieben: Die ErzÀhlerin CléomÚde
adressiert dabei wieder die sie umgebenden Zuhörerinnen und macht so deutlich, dass die als
Topos markierte âweiblicheâ Erwartungshaltung der BesĂ€nftigung auch eintreten wird. In aller
KĂŒrze wird so eine Wendung von Zelmis Schicksal angedeutet. Dies geschieht im Stil eines
bouffonesken Theatercoups: Der Protagonist erfĂ€hrt bald nach seiner RĂŒckkehr nach Paris
von de Prades Tod, er reist sofort nach ArlĂšs zur noch trauernden Elvire. Zelmis verspĂŒrt, trotz
der Beteuerungen der Witwe, sich in ein Kloster zurĂŒckzuziehen, wieder die Hoffnung mit ihr
eines Tages glĂŒcklich zu werden:
Meine Damen, Sie haben ihn kĂŒrzlich in Paris gesehen, und es hat nicht lange gedauert, bis das
GlĂŒck an seiner Seite war. Er erhielt die Nachricht vom Tode de Prades. Auf der Stelle brach er auf
und begab sich zu Elvire, die noch den Verlust ihres Mannes beweinte. Sie war nicht unglĂŒcklich
ihn zu sehen und in einem Brief, den ich unlÀngst von ihm erhalten habe, teilt er mir mit, dass er
hoffe, obgleich diese schöne Witwe ĂŒberall verkĂŒndet, den Rest ihres Lebens in einem Kloster ver-
bringen zu wollen, um nicht mehr derartigen SchicksalsschlÀgen ausgesetzt zu sein, dennoch eines
Tages glĂŒcklich zu sein â vorausgesetzt, dass de Prade nicht ein zweites Mal wiederaufersteht.9
Am Ende macht Regnard so die Form des Pastiche ganz und gar augenscheinlich, in Form
eines knappen Finales, in dem ein Patchwork von intermedialen EinzelbezĂŒgen kulminiert.
Dabei dominieren mobile Bildinventare in Form von Handlungsparaphrasen von zwei Klassi-
kern des 17. Jahrhunderts, Corneilles âklassischeâ MĂ€rtyrertragödie Polyeucte (1641/42) und de
La Fayettes galant-zÀrtlicher Roman La Princesse de ClÚves (1678): Wenn Regnard den durch-
gehend sehr schematisch angelegten de Prade erst vom scheinbaren Pesttod genesen und nach
Frankreich zurĂŒckkehren, dann aber doch sterben lĂ€sst und am Ende des letzten Satzes eine
neuerliche âAuferstehungâ in den Raum stellt, dann persifliert er damit deutlich die im franzö-
sischen 17. Jahrhundert erfolgreichste MÀrtyrertragödie. Denn mehrere Passagen rund um die
Figur de Prade nehmen auf die im römisch besetzen Armenien angesiedelte Tragödie Bezug,
wo Pauline neben ihrer Ehe zu Polyeucte eine Liebesbeziehung zu dem römischen Soldaten
SévÚre pflegt. Scheint letzterer im Laufe der Handlung im Krieg umgekommen zu sein, kehrt
er am Ende doch zurĂŒck. Der Titelheld sieht sich so im Zeichen von Glauben und Ehre zu
einem christlichen MĂ€rtyrertod gezwungen, dem schlieĂlich seine Wiederauferstehung folgt.
De Prade, so könnte man sagen, wird also bei Regnard, analog zur Gattung der MÀrtyrertra-
gödie, zur âĂŒberholt-traditionalistischenâ Figur, fĂŒr die in La Provençale, wo mehr als Ehre und
Glauben die Entfaltung zĂ€rtlicher GefĂŒhle zĂ€hlt, kein rechter Platz mehr ist.
In diesem Sinn zitiert das Ende der Provençale zugleich auch populÀre ErzÀhlmuster aus
de La Fayettes Moderoman, dessen Titelheldin ebenso zwischen zwei MĂ€nnern steht, ihrem
Ehemann und dem Duc de Nemours. Stirbt der Prince de ClĂšves aus Kummer darĂŒber, dass
sich seine von ihm tief geliebte Frau nur in Form moralischer Konvention an ihn binden lÀsst
und sich schlieĂlich auch noch leidenschaftlich in einen anderen Mann verliebt, so beschreibt
9 âVous lâavez vu, mesdames, depuis peu Ă Paris, et il nây a pas Ă©tĂ© long-temps que la fortune a commencĂ© Ă se dĂ©cla-
rer pour lui. Il a appris la nouvelle de la mort de de Prade. Il est parti Ă lâinstant; il sâest rendu auprĂšs dâElvire, qui
pleurait encore la perte de son mari. Elle nâa pas Ă©tĂ© fĂąchĂ©e de le voir; et il me mande dans une lettre que jâai reçue
de lui depuis peu de temps, que, quoique cette belle veuve dise partout quâelle veut passer le reste de sa vie dans un
cloĂźtre, pour ne plus ĂȘtre exposĂ©e Ă tant de revers, il espĂšre nĂ©anmoins ĂȘtre un jour heureux, pourvu que de Prade
ne ressuscite pas une seconde fois.â (519)
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal