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Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
dies die affektiven Konflikte von Regnards Titelfigur. Das macht insbesondere der Schlusssatz
der Erzählung deutlich: Wenn Elvire, dem Brief Zelmis an Cléomède zufolge, überall herumer-
zählt, sich nach all dem Erlebten für den Rest des Lebens in ein Kloster zurückziehen zu wollen,
um künftig keinen emotionalen Schwankungen mehr ausgesetzt zu sein, so paraphrasiert Reg-
nard damit das Ende der Princesse de Clèves: Hier will die Protagonistin nach dem Tod ihres
Mannes ihren Geliebten Nemours nicht heiraten, weil ein neuer Ehemann ihrem verstorbenen
in seiner einseitigen Liebe und Treue niemals gleichkommen könne. So zieht sie sich Teile des
Jahres in ein Kloster zurück, um ein kurzes Leben im Zeichen christlicher Tugend zu führen,
während Nemours über Jahre hinweg erst einmal von Schmerz gezeichnet scheint. Regnard
liefert so mit La Provençale eine satirische réécriture von de La Fayettes Romanende. Steht bei
der Vorlage am Ende alles im Zeichen tugendhaft-gedenkender Pflicht bzw. intensiv-unabhän-
gigen (Er-)Lebens, so dass die Princesse jeglichen Kontakt mit Nemours ausschließt, so wendet
der Libertin Regnard dieses Finale kokett. Er inszeniert ein lieto fine, das durch Erzählerin,
Brief und Wiederauferstehung mehrfach satirisch-metamedial gerahmt ist und so eine ferne,
aber glückliche Zukunft Zelmis mit der schönen Witwe imaginiert.
Reisebilder aus dem Süden: Regnards Carte de Tendre
Mit den weltlichen Abenteuern von Zelmis verhandelt Regnard analog Erfahrungen, die die
Bildinventare konventioneller Reisepraxen des 17. Jahrhunderts intermedial-ironisch referieren
und nach und nach auch transzendieren. Formen des Otherings praktiziert Regnard dabei nicht
erst mit der Überschreitung der Grenzen Frankreichs. Der hegemoniale Topos des ‚fremden‘
Südens wird vielmehr in unterschiedlichen Etappen durchdekliniert: Den ersten Schritt bildet
dabei die Provence, die seit langem ein populäres Reiseziel ist und im späten 17. Jahrhundert u.a
in Form der burlesken Voyage de Chapelle et Bachaumont literarische Berühmtheit erlangt.
Regnard schreibt sich insofern in die Linie burlesken Reisens ein, als dass es ihm nicht um
konkrete populäre Bildinventare des französischen Südens geht, sondern er mittels ironischer
Distanz auf den Topos des schönen Südens Bezug nimmt. So nennt er seine Entführungser-
zählung La Provençale und greift auf das Bild der schönen Provenzalin zurück. Schon auf den
ersten Seiten wird diese als „belle Elvire“ (477ff.) und „belle provençale“ beschrieben (488ff.),
um später als „belle veuve“ (519) und „belle maîtresse“ (515), als schöne Witwe und Mätresse zu
erscheinen. Regnard greift so zu einer Literarisierung der Provence, bei der Topoi des galant-
tendre und des Orientalismus zusammenfließen. Dies wird u.a. in Zelmis Rêverie-Szene auf
dem britischen Schiff deutlich, wo es heißt, dass dieser sich sein ganzes Leben lang an die „belle
Elvire“ als „la plus adorable personne du monde“, als verehrungswürdigste Person der Welt erin-
nern wird (477). Er hört alsbald ihre zärtliche Stimme, „si douce“, durch ein Fenster „chantait
tendrement un air provençal“ (477), erklingt zärtlich eine provenzalische Melodie und Elvire
erscheint ihm schließlich als „beauté extraordinaire“, als außergewöhnliche Schönheit (477).
Damit setzt Regnard rund um Wortfelder der Schönheit, der Weichheit und des Gesangs
ein Bildinventar ein, das Tatiana Crivelli (2010, 194ff.) in Bezug auf die Perspektivierung Ita-
liens in der französischen Literatur als hegemonial umrissen und in Analogie zu Edward Saids
Orientalism (1978) als Italismus bezeichnet hat. Denn hier werden zwar im Vordergrund
‚liebliche‘ Assoziationen stark gemacht, die aber gleichzeitig den Süden Europas als Gegenpol
zum politisch-kulturellen Zentrum Paris konstituieren. Dabei wird Elvire als Personifikation
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal