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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 231 Südfrankreichs als kulturell fremd wie anziehend konstituiert, sie erscheint also in Form eines orientalisierend-erotisierenden Bildinventars als das Andere Frankreichs.10 Noch deutlicher wird das Oszillieren zwischen Galanterie und Orientalismus in Regnards Text freilich, sobald das Schiff in See sticht und gekapert wird: Regnard zeichnet insbeson- dere über die blutreiche Schlacht zwischen den als tapfer und feurig beschriebenen „chrétiens“ des britischen Schiffes und den militärisch überlegenen „infidèles“, den attackierenden osma- nischen Freibeutern, den Mittelmeerraum mittels eines topoihaften Bildinventars als religiös und machtpolitisch gespaltene Sphäre. Konfliktuelle Zwischenfälle zwischen Freibeutern und Handelsschiffen kommen im 17. Jahrhundert häufig vor und prägen Wochenzeitungen wie die Gazette de France (Bono 2009, 177–180). Regnard malt vor diesem Hintergrund das Bild einer blutrünstigen Seeschlacht, etwa indem er schildert, wie der Kopf des britischen Kapitäns durch eine Kanonenkugel entzweit wird, die Christen trotz Blutverlust mehr und mehr Widerstand leisten, schließlich aber die „gens de cœur“ von der großen Zahl der Osmanen überwältigt wer- den (490). Selbst Zelmis muss sich so ergeben, Elvire von der Seite weichen und zusehen, wie die Osmanen, die stereotyp als Türken beschrieben werden, das Schiff übernehmen: Nie hat man mit größerem Eifer angegriffen und sich niemals mit größerem Mut verteidigt. Als er die Pflicht eines tapferen Mannes erfüllte, wurde der englische Kapitän von einer Kettenkugel, die noch mehrere Personen verwundete, in zwei Hälften gerissen. Dieses schreckliche Schauspiel verringerte den Eifer der Kämpfenden um nichts: Im Gegenteil, der Widerstand der Christen, die ihr Blut strömen sahen, wurde zu Raserei. Als alle Offiziere des Schiffes und der größte Teil der Engländer getötet oder außer Gefecht gesetzt waren, unternahmen die wenigen, die übrig waren, alles, was man von beherzten Menschen erwarten kann: Aber die Schlacht war zu ungleich, um die Türken daran zu hindern, das Schiff zu entern. Zelmis lief sogleich zu Elvire und, mithilfe von ein paar Matrosen, hielt er noch lange Zeit auf der Brücke den Bemühungen der Ungläubigen stand: aber schließlich, von einer Reihe von Feinden überwältigt, gab er nach, ohne sich zu ergeben, und überließ den Türken das Schiff.11 Bevor auf das andere Ufer des Mittelmeers geschwenkt wird, zielt Regnard also ganz auf ein spannungsreiches und gewaltvolles Tableau, das im Zeichen gängiger orientalistischer Bildin- ventare steht. Diese Perspektive, die mit bipolarer Oppositionsbildung arbeitet, d.h. den euro- päischen Figuren das Mitleid, den osmanischen die Grausamkeit zuschreibt, wird allerdings nach und nach brüchig. Schon am Höhepunkt der Spannungssteigerung, dem Kapern des Schiffes, wird auch das orientalistische Blickregime einer Peripetie unterzogen: Im Stil eines 10 Regnard baut damit auf eine rhetorische Figur, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert genreübergrei- fend zum literarischen Topos wird: in galanten Reiseberichten wie Lefranc de Pompignans Voyage de Languedoc et de Provence, aber auch bei romanesken Reisenden wie de Staël und Stendhal, nicht zu vergessen Daudet und Bizet, die ganz konkret das Bild der schönen L’Arlésienne theatralisieren. 11 „On n’attaqua jamais avec plus d’ardeur, et jamais on ne se défendit avec plus de courage. Le capitaine anglais, faisant le devoir d’un brave homme, fut coupé en deux par un boulet à deux têtes, qui blessa encore plusieurs per- sonnes. Ce spectacle effrayant ne diminua rien de l’ardeur des combattants: au contraire, la résistance des chré- tiens, qui voyaient couler leur sang, allait jusqu’à la fureur. Lorsque tous les officiers du vaisseau et la plupart des anglais furent tués ou mis hors de combat, le peu de monde qui restait ne laissait pas de faire tout ce qu’on peut attendre de gens de cœur: mais le combat était trop inégal pour pouvoir empêcher les Turcs de venir à l’abordage. Zelmis courut aussitôt à l’endroit où était Elvire, et, secondé de quelques matelots, il soutint encore longtemps sur le pont l’effort de ces infidèles: mais enfin, accablé d’un nombre d’ennemis, il céda sans se rendre, et laissa les Turcs maîtres du vaisseau.“ (490)
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
Title
>mcs_lab>
Subtitle
Mobile Culture Studies
Volume
2/2020
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2020
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
270
Categories
Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal
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