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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 233 unter Bezugnahme auf die amphitheaterhaft-terrassenförmige Lage Algiers und den einst so berĂŒhmten Freibeuter Barbarossa: Algier liegt am Hang eines HĂŒgels, den das Meer mit seinen Fluten von der Nordseite her umspĂŒlt. Seine HĂ€user, die in Form eines Amphitheaters errichtet sind und terrassenförmig auslaufen, bieten jenen einen sehr erfreulichen Anblick, die sich vom Meer her nĂ€hern. MĂŒsste ich nicht befĂŒrchten, meine Damen, Ihre Neugierde zu strapazieren, wĂŒrde ich von der Regierung dieser Stadt sprechen; ich wĂŒrde Ihnen erzĂ€hlen, dass hier einst Arudsch Barbarossa, der berĂŒhmte Korsar, gemeinsam mit seinem Bruder Hayreddin unanfechtbar herrschte [...]. Aber es ist besser, Sie ĂŒber das Schicksal unserer Gefangenen zu unterrichten und Ihnen zu sagen, dass die neuen Sklaven, als das Morgenge- bet zu Ende war, vor den König gebracht wurden, der Anspruch auf ein Achtel der gesamten Beute hat. Dieser Herrscher, Baba-Hassan genannt, war milder, höflicher und großzĂŒgiger als alle ande- ren seines Volkes. Außer seinem Namen hatte er nichts Barbarisches an sich und der Natur hatte es gefallen, in Afrika ein so kostbares Naturell zu formen, wie sie es in Europa hĂ€tte tun können.14 Diese Passage, so wird sogleich deutlich, kombiniert populĂ€res Wissen und literarische Topoi. Wenn Regnard den Dey, den Statthalter Algiers einfĂŒhrt, so erscheint dieser in der Linie von frĂŒhneuzeitlichen Reiseberichten, die Herrscher weit entlegener Regionen gerne als vorbildlich preisen: Baba-Hassan ist — wohl auch im Sinn einer libertinĂ€ren Ironisierung Louis XIV — ein idealer Regent, der in Europa seinesgleichen sucht. Der ‚natĂŒrlich‘-weiche, bescheidene und großzĂŒgige Herrscher wird so in der Folge zum idealen, zugewandten und emotional berĂŒhr- baren Verehrer Elvires. Neben Zelmis wird er damit zu einer gleichberechtigten galant-zĂ€rtli- chen Figur, was durch stereotype Bilder markiert wird, wie wir sie bereits aus dem bisherigen Textverlauf kennen: Baba-Hassan erliegt Elvires Reizen und schönen Augen, einige TrĂ€nen entsenden Feuer, die bis in dessen Herz treffen (492). Der Herrscher und seine Liebe stehen so ganz im Zeichen des galant-tendre, so wie die charakterliche Modulierung der Figur einem Stereotyp osmanischer Herrscher und Freibeuter entspricht, das in mediterranen EntfĂŒhrungs- erzĂ€hlungen der Zeit hĂ€ufig anzutreffen ist (Turbet-Delof 1973, 202–203). Damit wird deutlich, dass Regnards Pastiche im Sinn von mobilen Bildinventaren durch diverse Zeittrends und Texttraditionen durchwirkt ist, auch wenn der persiflierende Bezug auf die Literatur der SaloniĂšres dominiert. Denn Regnard entwirft mit seinem Plot klar eine eigene Carte de Tendre, eine satirische Landkarte der ZĂ€rtlichkeit. Er verlagert dabei Zelmis und seine Provenzalin vom Pariser Umland bzw. ArlĂšs ĂŒber Bologna, Rom und Genua bis in den Harem des Herrscherpalasts, hĂ€lt dabei aber den galant-zĂ€rtlichen Duktus bei. Ist die Carte de Tendre in de ScudĂ©rys Roman ClĂ©lie, histoire romaine ursprĂŒnglich im Sinn einer besonders zĂ€rtlichen Kultivierung des Geschmacks und der Manieren in Analogie zu Frankreich angelegt (und von François Chauveau entsprechend bildlich umgesetzt), so wird hier das ‚Land der ZĂ€rtlichkeit‘ 14 „Alger est situĂ© sur le penchant d’une colline que la mer mouille de ses flots du cĂŽtĂ© du nord. Ses maisons, bĂąties en amphithéùtre et terminĂ©es en terrasse, forment une vue trĂšs agrĂ©able Ă  ceux qui y abordent par mer. Si je ne craignais, mesdames, de retarder votre curiositĂ©, je vous parlerais du gouvernement de cette ville; je vous dirais qu’Ariden Barberousse, fameux corsaire, y rĂ©gna autrefois avec souverainetĂ©, conjointement avec son frĂšre ChĂ©ri- dim [...]. Mais il vaut mieux vous apprendre le sort de nos captifs, et vous dire que la priĂšre du matin Ă©tant finie, on conduisit les nouveaux esclaves devant le roi, qui a droit de prendre la huitiĂšme partie de tout le butin qui se fait. Ce prince, appelĂ© Baba-Hassan, Ă©tait doux, civil et gĂ©nĂ©reux au-delĂ  de tous ceux de sa nation. Il n’avait rien de barbare que le nom; et la nature avait pris plaisir Ă  former en Afrique un naturel aussi riche qu’elle eĂ»t pu faire en Europe.“ (491–492)
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
Title
>mcs_lab>
Subtitle
Mobile Culture Studies
Volume
2/2020
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2020
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
270
Categories
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