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Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
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234 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare nicht nur in Richtung der osmanischen Seite des Mittelmeerraums ausgedehnt, sondern pas- sagenweise auch ĂŒber besonders galant auftretende osmanische Figuren der Grande Nation entzogen. Anders gesagt: Regnard verleiht seinem Text im Sinn eines „jeu de reprise ironique et libertin“ nicht zuletzt durch Verfahren der Verschiebung und Verkehrung eine satirisch-spie- lerische Wirkung (Requemora 2007, 151). So rĂŒckt er eine ĂŒber alle Grenzen hinweg begehrte Provenzalin ins Zentrum und seine Protagonisten machen die galanterie vertueuse unabhĂ€ngig von Kontinenten und Status, identitĂ€ren Krisen und TodesfĂ€llen zum unanfechtbaren Ideal. La Provençale ist daher als Text eines libertinĂ€ren Komödienautors an der Schwelle zum 18. Jahr- hundert freilich auch im Sinn eines frĂŒhaufklĂ€rerischen Universalismus lesbar. Der ironisch- skeptische Blick Regnards gilt in diesem Sinn keineswegs nur dem galant-zĂ€rtlichen Zeittrend, sondern auch dem französischen Zentralismus und Absolutismus, sprich: einem Denken in sozialen, nationalen und religiösen Grenzen. Haremsbilder und Theatercoups Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass das Bild eines ‚barbarischen‘ Orients, das ĂŒber bipolare Bildinventars eine französische bzw. europĂ€ische IdentitĂ€t stĂ€rkt, wie es u.a. Michael Klinkenberg fĂŒr das 17. Jahrhundert festgehalten hat (2009, 55ff.), sich in La Pro- vençale allenfalls passagenweise wiederfindet. Am nordafrikanischen Festland tritt, gewisser- maßen als Kontrastfolie zum galant-zĂ€rtlichen Baba-Hassan, nur ein ‚grausamer‘ Osmane auf, der zukĂŒnftige Besitzer von Zelmis, Achmet Thalem. Doch Regnard relativiert im Laufe der Handlungsentwicklung nicht nur diese Figurenzeichnung ĂŒber eine satirisch-intermedial ange- legte Peripetie. Er greift mit ihr zudem den Topos des geschĂ€ftstĂŒchtig-geizigen Mauren auf, denn Achmet ist ein ehemals christlich-zwangskonvertierter Maure, der nach der spanischen Reconquista nach Algier zurĂŒckgekehrt ist. Der Autor stattet also nicht von UngefĂ€hr diese Figur in Form einer anti-spanischen Verve mit grausamen ZĂŒgen aus, liegt doch der Spanisch- Französische Krieg (1635–1659) rund um die Frage der ‚nationalen‘ Vormachtstellung in Europa noch nicht weit zurĂŒck. In diesem Spannungsfeld von nationalistischen und orientalistischen Bildinventaren, galant-zĂ€rtlicher und satirisch-pastichehafter Ästhetik stehen auch die neuen Handlungsorte, die Regnard einfĂŒhrt. Dabei fĂ€llt fĂŒr einen an der Jahrhundertwende situierten Text insbe- sondere einer ins Gewicht: das Serail bzw. der Harem, die ab dem frĂŒhen 18. Jahrhundert durch die vielfach ĂŒbersetzte zwölfbĂ€ndige MĂ€rchenadaptation Antoine Gallands, Les mille et une nuits (1704–1717), das bipolare Bildinventar des Orients europaweit popularisieren wird. Doch im Frankreich des 17. Jahrhunderts existiert mit dem Zeittrend der Turquerie bereits eine ganze Reihe von Texten, die die Serails schildern bzw. zum Handlungsort machen. Dazu gehö- ren Reiseberichte wie jene von Jean-Baptiste Tavernier und François Bernier, die zwischen den 1630er und 1660er Jahren u.a. Ägypten, die TĂŒrkei und Persien beschreiben, aber auch Theater- texte, am prominentesten Racines Tragödie Bajazet (1672). Bereits hier wird das Serail an der Schnittstelle von Liebesdrama und diplomatischer Verstrickung theatral-mythisch als „vaste scĂšne exotique“, umfangreiche exotische Szene imaginiert und dabei auch zu orientalistischen Topoi wie Rachekomplotts gegriffen (Requemora 2008, 254). Regnard rĂŒckt ganz in dieser Linie populĂ€rer Bildinventare in zwei kurzen Passagen das Serail bzw. den Harem Baba-Hassans ins Zentrum und baut dabei wieder auf eine Distanz
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>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
Title
>mcs_lab>
Subtitle
Mobile Culture Studies
Volume
2/2020
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2020
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
270
Categories
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