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Daniel Winkler | Mobile Bildinventare
nicht nur in Richtung der osmanischen Seite des Mittelmeerraums ausgedehnt, sondern pas-
sagenweise auch ĂŒber besonders galant auftretende osmanische Figuren der Grande Nation
entzogen. Anders gesagt: Regnard verleiht seinem Text im Sinn eines âjeu de reprise ironique
et libertinâ nicht zuletzt durch Verfahren der Verschiebung und Verkehrung eine satirisch-spie-
lerische Wirkung (Requemora 2007, 151). So rĂŒckt er eine ĂŒber alle Grenzen hinweg begehrte
Provenzalin ins Zentrum und seine Protagonisten machen die galanterie vertueuse unabhÀngig
von Kontinenten und Status, identitÀren Krisen und TodesfÀllen zum unanfechtbaren Ideal. La
Provençale ist daher als Text eines libertinÀren Komödienautors an der Schwelle zum 18. Jahr-
hundert freilich auch im Sinn eines frĂŒhaufklĂ€rerischen Universalismus lesbar. Der ironisch-
skeptische Blick Regnards gilt in diesem Sinn keineswegs nur dem galant-zÀrtlichen Zeittrend,
sondern auch dem französischen Zentralismus und Absolutismus, sprich: einem Denken in
sozialen, nationalen und religiösen Grenzen.
Haremsbilder und Theatercoups
Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass das Bild eines âbarbarischenâ Orients, das
ĂŒber bipolare Bildinventars eine französische bzw. europĂ€ische IdentitĂ€t stĂ€rkt, wie es u.a.
Michael Klinkenberg fĂŒr das 17. Jahrhundert festgehalten hat (2009, 55ff.), sich in La Pro-
vençale allenfalls passagenweise wiederfindet. Am nordafrikanischen Festland tritt, gewisser-
maĂen als Kontrastfolie zum galant-zĂ€rtlichen Baba-Hassan, nur ein âgrausamerâ Osmane auf,
der zukĂŒnftige Besitzer von Zelmis, Achmet Thalem. Doch Regnard relativiert im Laufe der
Handlungsentwicklung nicht nur diese Figurenzeichnung ĂŒber eine satirisch-intermedial ange-
legte Peripetie. Er greift mit ihr zudem den Topos des geschĂ€ftstĂŒchtig-geizigen Mauren auf,
denn Achmet ist ein ehemals christlich-zwangskonvertierter Maure, der nach der spanischen
Reconquista nach Algier zurĂŒckgekehrt ist. Der Autor stattet also nicht von UngefĂ€hr diese
Figur in Form einer anti-spanischen Verve mit grausamen ZĂŒgen aus, liegt doch der Spanisch-
Französische Krieg (1635â1659) rund um die Frage der ânationalenâ Vormachtstellung in Europa
noch nicht weit zurĂŒck.
In diesem Spannungsfeld von nationalistischen und orientalistischen Bildinventaren,
galant-zĂ€rtlicher und satirisch-pastichehafter Ăsthetik stehen auch die neuen Handlungsorte,
die Regnard einfĂŒhrt. Dabei fĂ€llt fĂŒr einen an der Jahrhundertwende situierten Text insbe-
sondere einer ins Gewicht: das Serail bzw. der Harem, die ab dem frĂŒhen 18. Jahrhundert
durch die vielfach ĂŒbersetzte zwölfbĂ€ndige MĂ€rchenadaptation Antoine Gallands, Les mille et
une nuits (1704â1717), das bipolare Bildinventar des Orients europaweit popularisieren wird.
Doch im Frankreich des 17. Jahrhunderts existiert mit dem Zeittrend der Turquerie bereits eine
ganze Reihe von Texten, die die Serails schildern bzw. zum Handlungsort machen. Dazu gehö-
ren Reiseberichte wie jene von Jean-Baptiste Tavernier und François Bernier, die zwischen den
1630er und 1660er Jahren u.a. Ăgypten, die TĂŒrkei und Persien beschreiben, aber auch Theater-
texte, am prominentesten Racines Tragödie Bajazet (1672). Bereits hier wird das Serail an der
Schnittstelle von Liebesdrama und diplomatischer Verstrickung theatral-mythisch als âvaste
scĂšne exotiqueâ, umfangreiche exotische Szene imaginiert und dabei auch zu orientalistischen
Topoi wie Rachekomplotts gegriffen (Requemora 2008, 254).
Regnard rĂŒckt ganz in dieser Linie populĂ€rer Bildinventare in zwei kurzen Passagen das
Serail bzw. den Harem Baba-Hassans ins Zentrum und baut dabei wieder auf eine Distanz
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal