Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Zeitschriften
Mobile Culture Studies The Journal
>mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
Page - 236 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 236 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020

Image of the Page - 236 -

Image of the Page - 236 - in >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020

Text of the Page - 236 -

236 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel) Daniel Winkler | Mobile Bildinventare zum Ort der Grausamkeit macht. Wie bei den anderen intermedialen Bezugnahmen seines Pastiche greift der Libertin auch hier auf rezente Vorlagen zurĂŒck, etwa Gabriel de BrĂ©monds 1677 erschienenen EntfĂŒhrungsroman L’Heureux esclave, der bereits Haremsdamen in Tunis mittels Rekurs auf die ‚Gesetze der Natur‘ charakterisiert (Turbet-Delof 1973, 251). Diesen allgemeinen AusfĂŒhrungen entsprechend stehen auch die Haremsdamen von Zel- mis Besitzer im Zeichen der galanterie vertueuse und sind durch Wohlwollen, ZĂ€rtlichkeit und ein weiches Herz geprĂ€gt. So dauert es nicht lange, bis sich die JĂŒngste und Schönste unter ihnen, Immona, in Zelmis verliebt. Diese wird hier in orientalistischer Analogie zur „belle provençale“ topoihaft als „belle africaine“ prĂ€sentiert (503). Doch ihre leidenschaftlichen Blicke und verliebten Gesten, ihr durch Lachen verzierter Stolz zeigen bei Zelmis keine Wirkung. Auch als Immona diesen in ihr Zimmer ruft, sich auf einem prachtvollen Teppich prĂ€sen- tiert und ihr Kaftan aus schwarzem Gaze-Stoff einen Teil ihres ausnehmend schönen Körpers durchscheinen lĂ€sst, bleibt der ganz durch seine Liebe zu Elvire erfĂŒllte Protagonist unange- nehm berĂŒhrt stehen: Diese schöne Afrikanerin war von den VorzĂŒgen ihres Sklaven verzaubert und sie tat alles, was sie konnte, um seine Liebe zu gewinnen: tausend Liebesgesten, hundert leidenschaftliche Blicke, endloses LĂ€cheln, das die EiseskĂ€ltesten zum GlĂŒhen zu bringen vermochte, waren die gewöhn- lichen Waffen, deren sie sich bediente, um seinen Stolz zu entkrĂ€ften; aber er vergolt Immonas Leidenschaft mit einer solchen KĂ€lte, dass man mĂŒhelos erkennen konnte, dass er sich unglĂŒcklich schĂ€tzte, von einer anderen als Elvire ZĂ€rtlichkeiten zu erhalten [...].16 Steht Regnards Protagonist ganz im Zeichen einer nicht durch Koketterie korrumpierbaren tugendhaften Liebe, so baut der Text gleichzeitig auf das Bildinventar des Harems als Ort der Erotik, das durch die bipolaren Wortfelder von WĂ€rme und KĂ€lte untermauert wird. Immonas unerfĂŒllte Liebe, man ahnt es schon, kann fĂŒr Zelmis nicht lange ohne Folgen bleiben. Die hier beschworenen Werte des galant-tendre kippen alsbald in Richtung der orientalistischen Topoi von Intrige, Grausamkeit und Unkultiviertheit: Immona vermutet, dass Zelmis Distanziertheit damit zu tun hat, dass er mit ihrer Konkurrentin Fatma eine gesetzlich verbotene interreli- giöse Beziehung pflegt. Sie bezeichnet ihn als undankbar und grausam und steht, im Stil von Racines Heroinnen, im Zeichen von „rage“ und „fureur“ (505–506), d.h. einer ungebremst radi- kalen Affektentfaltung. Zwar könnte Immona ĂŒber das Leben des Sklaven Zelmis frei verfĂŒ- gen, doch sie verfĂ€hrt nun ‚französisch‘, wĂ€hlt eine „vengeance plus cachĂ©e, et plus conforme Ă  sa haine“, eine heimlichere Form der Rache, die ihrem Hass mehr entspricht (506), um ihn und ihre Rivalin Fatma zugleich zu beseitigen. Sie ĂŒberzeugt Achmet von ihrem Verdacht, so dass dieser ebenso von RachegelĂŒsten erfĂŒllt wird und Zelmis und Fatma von Soldaten abfĂŒhren lĂ€sst. Da Zelmis nun ein Gerichtsprozess droht, wird selbst der stets so zĂ€rtliche Protagonist von nega- tiven GefĂŒhlen erfasst, ruft Immona zu „je te haĂŻrai partout“, ich werde dich allseits hassen (508). Denn er weiß, dass die lokalen Gesetze ihn als Christen, der mit einer Muslimin angetroffen wird, nur vor die Wahl zwischen Tod durch Feuer oder Konversion zum Islam stellen, „veulent qu’un 16 „Cette belle africaine fut charmĂ©e des qualitĂ©s de son esclave; elle fit tout ce qu’elle put pour s’en faire aimer: mille gestes amoureux, cent regards passionnĂ©s, une infinitĂ© de souris capables d’enflammer les plus glacĂ©s, Ă©taient les armes ordinaires dont elle se servait pour abattre sa fiertĂ©; mais il payait les emportements d’Immona de tant de froideurs, qu’on voyait aisĂ©ment qu’il s’estimait malheureux de recevoir des douceurs d’une autre que d’Elvire [...]“ (503).
back to the  book >mcs_lab> - Mobile Culture Studies, Volume 2/2020"
>mcs_lab> Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
Title
>mcs_lab>
Subtitle
Mobile Culture Studies
Volume
2/2020
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2020
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
270
Categories
Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
>mcs_lab>