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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Daniel Winkler | Mobile Bildinventare 239
europäische Protagonist_innen zwischen den Ufern des Mittelmeers erst hin und her wechseln,
auch wenn sie dabei noch im burlesken Stil einer captatio benevolentiae verfahren. Gleichzeitig
verweist der Libertin Regnard mit seiner Provençale aber nicht nur auf die Literaturgeschichte
zurück, sondern auch auf das Siècle des Lumières voraus: Die Verzahnung von leidenschaft-
licher Sehnsucht nach Liebe und Freiheit, die den Plot rund um Zelmis und Elvire vorantreibt,
und die idealtypisch gestalteten ‚fremden‘ Figuren Mustapha, Baba-Hassan, Immona und
Fatma zeigen im Vorfeld von orientalistisch neuformatierten Gattungen wie dem empfindsa-
men Briefroman (Montesquieus Lettres persanes, 1721) und der tragédie larmoyante (Voltaires
Zaïre, 1732) ein herrschafts- und zivilisationskritisches Bildinventar, das auf den literarischen,
kulturellen und politischen Status quo des absolutistisch-zentralistischen Frankreichs zielt.
Auch wenn die literarische Kohärenz des Textes, der in den 1960er Jahren zum letzten Mal
aufgelegt wurde, allemal in den stark gerafften und fast rohen Schlusspassagen angezweifelt
werden kann, liegt der Reiz des Pastiche gleichzeitig gerade in seinem extrem hybriden und
skizzenhaften Charakter, der doppelt im Zeichen der Mobilität steht. Regnard macht nicht
nur die transmediterrane Mobilität der Reisenden zum Thema, sondern kreiert auch mobile
Bildinventare, die zwischen Traditionen der frühneuzeitlichen Novellistik und des gallant-zärt-
lichen Romans der Salonières, aber auch deutlichen Selbstreflektionen und neuen Trends des
Orientalismus oszillieren. Als Entführungserzählung kann La Provençale dabei thematisch
und strukturell als Vorläufer von Texten verstanden werden, die Fragen der Freibeuterei, Ent-
führung und Versklavung vor dem Hintergrund von Imperialismus und Kolonialismus in
anderen Weltgegenden und Zeitläufen verhandeln. Mit seinem Fokus auf historisch-kulturelle
Alterität bietet das Pastiche so nicht zuletzt ein kreatives Reservoir mobiler Bildinventare auf,
das helfen kann einen differenzierten Blick auf Gegenwartsphänomene rund um areale Trans-
fers und globale Transformationen einer scheinbar immer kleiner werdenden Welt zu schulen.
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal