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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Holger Helm | Essay: „Es ist ein Aberglaube geworden, dass man vom Zugfenster aus nichts sieht.“ 245
Zur Einstimmung
Wie blicken wir eigentlich auf Ortschaften und Landstriche, wenn wir sie per Bahn durch-
fahren? Die unterschiedlichen Sichtweisen dabei hat Honoré Daumier schon 1865 trefflich
beobachtet und künstlerisch ins Bild gesetzt. Bei weitem nicht alles, was an Einzelheiten von
Stadt und Land sichtbar wäre, nehmen wir optisch auf. Da gibt es meist auch Übersehenes,
Ausgeblendetes oder gar aus dem Gedächtnis Hinzugefügtes. Zu welcher Ausprägung das
jeweils gelangt, das wird von Betrachter zu Betrachter und je nach Situation verschieden sein.
Daumier weist darauf hin, indem er uns sowohl den die Landschaft erkundenden als auch
den zerstreuten, gedankenverlorenen Blick aus dem Zugfenster vorführt. Das bei der Fahrt
auftretende Phänomen des Vorbeifließens der Dinge draußen begünstigt ein Versinken in die
Innenwelt der Gedanken und Gefühle bis hin zum flüchtig-träumerischen Loslassen von Ein-
zelheiten in Feld und Flur. Dagegen zeugt das konzentrierte und interessierte Hinausschauen
für den Moment von großer Neugier, aber auch von Freude am Wiedererkennen von Vertrau-
tem. Diese Sichtweise greift zurück auf verfügbares Hintergrundwissen über das allgemein in
Landschaften Vorhandene und Ablaufende sowie Detailinformationen zur gerade inspizierten
Gegend. Eine Vorab-Sondierung über die zu durchfahrenden Landschaften kann während der
Passage zudem bei der räumlichen Orientierung
helfen. All diese Bezüge spiegeln sich vielfältig
in August Strindbergs Reisebericht wider, den er
zu seiner 1886 unternommenen Frankreichrund-
fahrt niederschrieb. Ein den Reisebericht tragen-
des visuelles Element ist bei August Strindberg
der Blick auf die am Zugfenster vorbeiziehende
Landschaft. Er bereitet dem Leser seine Wahr-
nehmungen und Eingebungen in einer überaus
bildhaften Sprache auf, ganz so, als würde er mit
Worten zeichnen. Dabei hat August Strindberg,
wie seine Tagebücher belegen, beim Hinaus-
schauen aus dem Zug oft auch Landschaft ori-
ginär visualisiert, indem er versuchte, sie zeich-
nerisch zu erfassen. Zuweilen wurde sogar aus
voller Fahrt fotografiert.
Mit August Strindberg auf großer Fahrt
Spätsommer 1886 — August Strindberg reist in nur drei Wochen 3600 Kilometer per Bahn,
Frankreich einmal rundum. Er ist dabei höchstens mit Tempo 80 (km/h) unterwegs und ver-
bringt täglich bis zu zwölf Stunden in Waggons der 3.(Holz-)Klasse. Eingeschoben sind Land-
gänge, um mit der bäuerlichen Bevölkerung ins Gespräch zu kommen.
Vorab Recherchiertes, Beobachtetes und Gehörtes hält er in zwei Notizbüchern fest. Vieles
davon wird Bestandteil der 1889 erstmalig in Stockholm verlegten Reportage Bland franska
Abb. 1: Honoré Daumier: Ein Wagen drit-
ter Klasse (um 1865; Kreide, Feder, Aqua-
rell und Gouache; im Original 23 x 33 cm,
Ausschnitt)
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Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal