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248 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Holger Helm | Essay: „Es ist ein Aberglaube geworden, dass man vom Zugfenster aus nichts sieht.“
„totalimpression“ (1914: 157) den auf Alexander von
Humboldt zurückführbaren Begriff „Totaleindruck“
(1920: 163; vgl. v. Humboldt 1806: 11). Es ist sehr wahr-
scheinlich, dass sich sowohl Strindberg als auch Sche-
ring zuvor mit den Humboldtschen Schriften befasst
haben. So wird zum Beispiel auch Humboldts zentra-
ler Terminus der (Landschafts-)„Physiognomie“ (1920:
126, im schwedischen Original „landskapets fysiono-
mie“, 1914: 124) verwendet. Der Blick aus dem Wag-
gon hinaus auf die durchfahrene Gegend ist dabei für
Strindberg eng gerahmt. Fenster sind lediglich in den
Zustiegstüren vorhanden, die Glasscheiben haben nur
Maße von ca. 60 x 40cm [ siehe Abb. 5 und 6].
Am Beginn der „Zweiten Abteilung / Autopsien
und Interviews“ konstatiert Strindberg: „Das schönste
Land von Europa […] liegt in Momentaufnahmen in
der Kassette des ausgeruhten Auges und nun will ich
die Bilder hervorzurufen versuchen“ (1920: 103). Soweit
diese Bilder eindeutig auf Blicken aus dem Zugfens-
ter beruhen, sollen sie hier erstmalig in Gänze zusam-
mengestellt und räumlich-zeitlich zugeordnet werden.
Letzteres erfolgt auf Basis der von Per Erik Ekholm
1985 und 2014 ausgewerteten Tagebuchaufzeichnun-
gen Strindbergs. Der weitergehenden Veranschau-
lichung dient ein literaturkartographischer Entwurf
mit Verlauf und Hauptstationen der 1886er Reiseroute
inklusive dort platzierter schematischer Zugfenster
mit passenden Textauszügen. Stilistisch und inhalt-
lich weisen die Strindbergschen Zugfensterblicke eine
überraschende Bandbreite auf — von der rational-
konstatierenden Landschaftsschilderung (siehe unten:
2, 3, 6, 11, 12) mit Übergängen (5, 7, 9, 13, 14, 15) hin
zu mehr und mehr impressionistischen Anteilen (1, 4,
8, 16). Erstere sind meist dominiert von Vegetations-
beschreibungen zum Rechts und Links der Bahntrasse
(9, 11, 13). Sie veranlassen den französischen Literatur-
geographen Jean-Louis Tissier nach Lektüre der 1988
erschienenen französischsprachigen Ausgabe Parmi
les paysans français zu der sinnbildlichen Auffassung,
Strindberg habe eine Art Eisenbahn-Herbarium kom-
poniert (Tissier 1992: 180). Die hier vorgenommene
Zusammenstellung Strindbergscher Zugfensterblicke
kann den vielen zeitgenössischen Verdrossenheiten Abb. 5: Bahnwaggon dritter
Klasse, Ausschnitt aus einem
zeitgenössischen Foto
<http://roland.arzul.pagesperso-orange.fr/materiel/voitures/
voitures_ouest_essieux2.htm> [accessed: 23.03.2021]
Abb. 6: Schematischer Blick in das
Innere eines Bahnwaggons, mit dem
Strindberg fuhr: Im Längsschnitt
gut zu erkennen sind die kleinen
Fenster sowie die quer zur Fahrt-
richtung angeordneten Sitzreihen.
<http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k55302956.plei-
nepage.f86.langFR> [accessed: 23.03.2021]
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal