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250 Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Holger Helm | Essay: „Es ist ein Aberglaube geworden, dass man vom Zugfenster aus nichts sieht.“
auĂźerdem wurden Joannes vortreffliche Spezialbeschreibungen mit Detailkarten ĂĽber jedes
Departement auf den Bahnstationen gekauft“ (1920: 101–102).
Neben den, auf solcher ausgiebigen landeskundlichen Vorbereitung beruhenden, Effekten
der Wiedererkennung beim vorbeifahrenden Blick aus dem Zugfenster finden sich in Unter
französischen Bauern aber auch Passagen, die auf ein Abschweifen ins Gedanklich-Emotionale
beim Blick aus dem Zugfenster hinweisen (siehe oben, vgl. Schönhammer 1994). Strindberg hat
dieses Phänomen bei sich selbst durchaus registriert, indem er schreibt, bei der Eisenbahnfahrt
bekomme er Fantasien („Hjänornas kamp“, 142).
Für Anna Westerståhl Stenport fungiert das Zugfenster als ästhetischer Rahmen zur bild-
lichen Zentrierung, was eine ganz spezielle Art der visuellen Komposition hervorbringe, die
zeitlich mit dem Aufkommen des Impressionismus in der Malerei korreliere.
The window of the railway compartement in Among French Peasants functions as an aesthetic fra-
ming device, as a straightforward reference not only to what is technically called “cadrage” (the cen-
tering of an image), but also to the fact that railway travel becomes a technique that allows for a cer-
tain kind of visual composition [...]. The temporal aspect of impressionist painting thereby correlates
with Strindberg’s aesthetic project in Among French Peasants. (Westerståhl Stenport 2010: 64–65).
Sie bescheinigt Strindberg in diesem Zusammenhang eine hoch ästhetisierte Sprache (Wester-
stĂĄhl Stenport 2010: 69).
Als Bland franska bönder „im November 1889 in Albert Bonniers Verlag auf schwedisch
erschien […], trug es den Untertitel subjektiva reseskildringar [subjektive Reisebeschreibun-
gen, d.Verf.] — nachdem deutsche Verlage kritisiert hatten, die Reportage sei nicht wissen-
schaftlich genug“ (Steinfeld 2009: 260). Für Elie Poulenard dient der Untertitel der Verweisung
auf den — eben auch — künstlerischen Charakter der Reportage. Er übersetzt ihn mit Sub-
jective Descriptions of a Journey (Poulenard 1966: 121). Auch aus Sicht von Anna WesterstĂĄhl
Stenport ist der Untertitel bedeutsam, sie entscheidet sich fĂĽr Subjective Travelogues (Wester-
ståhl Stenport 2010: 61). In den deutschen Ausgaben — die erste erschien 1911, 22 Jahre nach der
schwedischen — ist dieser wichtige Zusatz demgegenüber weggelassen.
Abb. 7 und 8 zeigen zwei Skizzen, die Strindberg vermutlich aus der Zugfensterperspektive
heraus gefertigt hat. Sie sind den Notizbüchern zur Reise entnommen. Beide „liegen heute in
der Nationalbibliothek in Stockholm. Der dazugehörige Zeichenblock ist verschollen“ (Stein-
feld 2009: 259). Wegen der wenigen ĂĽberlieferten Skizzen bleiben also Strindbergs verbale Ver-
merke zu seinen Zugfensterblicken Hauptgegenstand der Interpretationen seiner Reportage.
Elie Poulenard listet solche zwar auf ĂĽber drei Seiten seines Aufsatzes in Stichworten auf. Aller-
dings sind bei ihm allein die Textstellen zur Passage entlang der Camargue (Poulenard 1966:
123) sowie die zur Fahrt durch die Gegend bei Epinac (Poulenard 1966: 124) wortgemäß (und
ins Englische übertragen) aufgeführt. Auch Anna Westerståhl Stenport wählt als Vollzitat (ins
Englische ĂĽbertragen) nur eine, eher impressionistische, Assoziation von Strindberg aus: jene
zur Fahrt von Orléans nach Nantes (Westerståhl Stenport 2010: 68).
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal