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Mobile Culture Studies. The Journal 6 2o20 (Travel)
Birgit Englert | Rezension: Über die Grenzen 269
mehr noch die Möglichkeit, dieses präsentieren zu können, ohne Angst vor Konsequenzen
haben zu müssen. Gerade durch die ungewöhnliche Verknüpfung von Reise- und Fluchtnar-
rativen und die so ins Auge stechende massive Kluft in Bezug auf die Rolle von Fotos in deren
Darstellung, ermöglicht Horn eine Art der Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht, die
sich grundlegend von anderen in den letzten Jahren erschienenen Reportagen zu dieser Thema-
tik abhebt, in ihrer Wirkung jedoch keineswegs weniger eindringlich ist.
Ein Beispiel für eine konventionellere Aufbereitung des Themas Fluchtroute über den Bal-
kan in Text und Bild ist das bereits im Herbst 2015 erschienene Buch Einbruch der Wirklich-
keit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa, geschrieben vom Publizisten Navid Kermani.
Für seinen Text hat sich Navid Kermani im Auftrag des Nachrichtenmagazins Der Spiegel
Ende September 2015 für etwas mehr als eine Woche auf den Weg von Budapest nach Izmir
gemacht, begleitet vom Magnum-Photographen Moises Saman, der 12 Schwarz-Weiß Fotogra-
fien für das mit 92 Seiten eher kurze, im Taschenbuchformat gehaltene Buch beigesteuert hat.
Das Thema Flucht ist in Einbruch der Wirklichkeit bereits durch das Coverfoto eindeutig
markiert: die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt einen Mann und ein Mädchen, deren Gesichter
Anstrengung und Verzweiflung ausdrücken, an einem Steinstrand stehen, Plastikplanen lie-
gen auf dem Boden, ein Boot treibt im Wasser, am Ende des Horizonts ist Land zu erkennen.
Auch die Fotos im Inneren des Buches, die sich jeweils über eine Doppelseite erstrecken, zei-
gen durchwegs beklemmende Bilder von Menschen — mit Lasten gehend, in Decken gehüllt
beim Einsteigen in einen Bus, im Meer treibend, auf Steinen sitzend und in die Ferne starrend.
Aber auch Detailaufnahmen, wie die von schmutzigen, nackten Füßen, die unter einer eben-
falls schmutzigen Decke herausragen, zeigen die Schrecken einer Flucht auf sehr unmittelbare
Art und Weise. Die Namen der abgebildeten Menschen erfahren die Lesenden jedoch nicht,
es werden auch keine Pseudonyme eingesetzt, um die Flüchtenden als Subjekte sichtbar zu
machen. Die Erzählung bleibt eine aus der Perspektive des Reporters und des ihn begleitenden
Fotografen.
Im Buch von Franz Paul Horn hingegen sind Filip und Malek durch ihre vom Autor zu
Papier gebrachten Erzählungen im Text sehr präsent. Die beiden werden als Individuen greif-
bar, die jeweils ganz spezifische Erfahrungen machen, die zwar denen von vielen anderen
ähneln, dennoch aber von ihrem eigenen Handeln, ihren Entscheidungen und ihren Persön-
lichkeiten geprägt sind. Visuellen Raum nimmt ihre Flucht — von der Rückseite des Covers
abgesehen — im Buch jedoch wie bereits ausgeführt keinen ein. Das liegt einerseits daran, dass
die fotografische Dokumentation eben kein Ziel ihrer „Reisen“ war und gerade die Abwesen-
heit von fotografischem Material sehr deutlich macht, dass die visuelle Dokumentation einen
Marker von spezifischen Formen von Mobilität darstellt. Andererseits spielt freilich auch eine
Rolle, dass das Buch von Horn zwar ebenso wie Einbruch der Wirklichkeit vom Sommer 2015
erzählt, sich jedoch nicht als Text über die „Flüchtlingskrise“ 2015 verortet, sondern einen Platz
in der Kategorie Abenteuerreisen des Genres Reiseliteratur einnehmen will, wie nicht zuletzt
die Covergestaltung verdeutlicht. Zweifellos eine Gratwanderung, die aus Sicht der Rezensen-
tin jedoch durchaus gelingt und das Thema Flucht dadurch auch einem Publikum zugänglich
macht, das sich das Buch von Kermani mit seiner spezifischen Bildsprache und dem ausschließ-
lichen Fokus auf das Thema Flucht eher nicht kaufen würde.
>mcs_lab>
Mobile Culture Studies, Volume 2/2020
The Journal
- Title
- >mcs_lab>
- Subtitle
- Mobile Culture Studies
- Volume
- 2/2020
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2020
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal