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100 Mobile Culture Studies. The Journal 3 2o17
Nora Scholtz, Anke Strüver | Zum Auf-Spüren und Er-Leben von Atmosphären durch Obdachlose
stil, der Freiheit, Ungebundenheit und Verpflichtungslosigkeit bedeuten kann. Es mĂĽssen nicht
alle Aspekte dieses Lebensstils positiv sein, um von ihnen dennoch wertgeschätzt zu werden,
eher wird Obdachlosigkeit als ambivalent empfunden. So sagte Hermes, einer unserer Inter-
viewten: „Das Straßenleben ist wunderschön, aber es macht einen kaputt“. Diese Menschen
sind genauso wie diejenigen, die aus Armut, Krankheit oder einem mangelnden sozialen Netz
auf der Straße leben, Teilgruppen von Obdachlosen, die nicht als repräsentativ für die Gesamt-
heit gelten können. Gemeinsam haben sie lediglich, dass sie alle als außerhalb der Gesellschaft
stehend betrachtet und stigmatisiert werden. So stellt ein ehemaliger Obdachloser, der sei-
ner Erfahrungen veröffentlicht hat, fest: „In der Arbeit zu diesem Manuskript habe ich eine
Menge BĂĽcher und Artikel ĂĽber Obdachlose gelesen. Besonders spannend war fĂĽr mich, dass
alle gewissermaĂźen auch von mir zu sprechen vorgaben. Und fast ausnahmslos sagten sie mir
letztlich gar nichts. Sie strotzten vor ernsten Zahlen und hölzerner Redlichkeit, und von sich
wissenschaftlich oder betroffen gebenden Erläuterungen und Schlussfolgerungen“ (Sanatanas
2016: 11).
Dementsprechend sollte Obdachlosigkeit nicht nur auf sozioökonomische und wohnungs-
baupolitische Faktoren reduziert werden. Obdachlosen Personen wird damit der Wunsch (und
die Fähigkeit) nach der Ausgestaltung des Lebens nach eigenen Präferenzen und Vorstellungen
abgesprochen. Eine Ursache dieser Reduktion mag sein, dass dieser Lebensstil nicht den gesell-
schaftlich normierten Darstellungen von dauerhafter Unterbringung, festem Arbeitsverhältnis
und „geregeltem Leben“ entspricht. Sozial- und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen
können hier einen Beitrag leisten, indem sie Obdachlose nicht nur als marginalisierte Unter-
suchungsgruppe im Kontext des „Elends der Welt“ (Bourdieu 1997) betrachten, sondern die
Perspektive der Obdachlosen gezielt lebendig werden lassen und sie im gleichen MaĂźe als teil-
habeberechtigte Einwohner*innen der Stadt betrachten, wie Menschen regulärer Wohnformen
betrachtet werden. Daher möchten wir im Folgenden die Obdachlosen selbst erzählen lassen,
wie sie Raum wahrnehmen und mit ihm interagieren. Um dem Kontext der lebendigen Per-
spektive gerecht zu werden, haben wir mithilfe von Go-along-Interviews die Atmosphären auf
der Reeperbahn untersucht.
Theoretische Überlegungen zum Er-Leben von Atmosphären
Die durchgeführte Untersuchung zum Erleben von sozialräumlichen Ordnungsprinzipien
durch Obdachlose auf der Hamburger Reeperbahn basiert in ihren theoretischen GrundzĂĽgen
zum einen auf phänomenologischen Überlegungen, die – nicht zuletzt durch die aktuellen Dis-
kussionen um Raumwahrnehmungen und -gefühle sowie die affektiven Dimensionen räum-
licher Praktiken – erneute Aufmerksamkeit erfahren (siehe v.a. Bondi u.a. 2005; Thrift 2008;
Pile 2010). Zum anderen nehmen wir genau diese Diskussionen zum Anlass für einen stärker
praxistheoretisch ausgerichteten Zugang zur Raumwahrnehmung.
In den Grundzügen der Phänomenologie nach Husserl (1952) wird an die Forschenden
appelliert, die Welt so zu begreifen, wie die Beforschten sie erleben und somit ihre Lebenswelt(en)
zum Forschungsgegenstand zu machen. Dahinter steht ein Begriff von erlebter Wirklichkeit,
die im „Tun“ entsteht, und die im Alltags-Tun gestalt- und veränderbar ist: „Der Alltag ist jener
Bereich der Wirklichkeit, in dem uns natĂĽrliche und gesellschaftliche Gegebenheiten als die
Bedingung unseres Lebens unmittelbar begegnen, als Vorgegebenheiten, mit denen wir fertig
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 3/2017
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 3/2017
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2017
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 198
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal