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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Volume 4/2018
Page - 132 -
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Page - 132 - in Mobile Culture Studies - The Journal, Volume 4/2018

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132 Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18 Stefanie Bürkle | Identität durch Architektur Aus persönlicher Erfahrung beschreibt der Philosoph und Vordenker des digitalen Zeitalters Vilém Flusser Migration als eine kreative und gleichwohl schmerzhafte Situation. Wer die Hei- mat verlässt, leidet, weil die tausend Fäden, die die Migranten mit der Heimat verbinden, wie bei einem chirurgischen Eingriff durchschnitten werden. Kreativität entsteht in diesem Raum des Verlusts, der auch Freiheit bedeutet, weil sich der Mensch mit einer solchen unvorherseh- baren und unerklärlichen Bewegung gegen seine Lebensbedingungen empören und sie damit verändern kann (Flusser 2007, 10). Mit der Remigration, werden die zuvor durchschnittenen Fäden nicht einfach dort und zu dem Zeitpunkt weitergesponnen, wo und an dem sie getrennt wurden, sie müssen zu einem neuen Gewebe vernetzt werden. Dabei greift der Migrant auf die wohlgefügten Netze und Strukturen der ihn umgebenden Gesellschaften zurück. Neue Fäden müssen jedoch eingewoben und alte Fäden zusammengeknotet werden – bis zum erneuten, »doppelten Vergessen [...] des ursprünglichen Kulturerlebnisses und der Kulturerkenntnis im Augenblick der Ankunft« (Flusser 1999, 77). Dies muss keinen Bruch bedeuten, im Wechsel- spiel der erfahrenen kulturellen Vorstellungen und der realen Situation kann Neues entstehen, auch eine Kultursynthese. Flusser als »ständiger Migrant«, wie er sich selbst sah, konnte aus die- sem Zustand, ähnlich wie andere Künstler und Intellektuelle, die sich ebenfalls meist als »fremd und anders« innerhalb ihrer Umgebung empfinden, die Quelle für sein Schaffen machen und das Leiden an der Erfahrung von Migration produktiv in Form von Werken bewältigen. Für ihn stärkte die gewonnene Freiheit durch Migration seine kreative Leistung. Auch die türk- ischen Arbeitsmigranten haben eine bestimmte »Freiheit« durch Migration gewonnen – trotz der Erfahrung von wirtschaftlicher Not und Fremdsein, von Widerständen und Vorurteilen. Die Kreativität in ihrer Lebensleistung drückt sich im gebauten Haus oder in der gestalteten Wohnung als »Werk« ihrer Lebensleistung aus. Genau diese Häuser deutschtürkischer Bauherren in der Türkei stehen im Fokus des Kun- stprojektes »Migrating Spaces« (2013-2016). Mit einem interdisziplinären Team von Künstlerin- nen und Wissenschaftlerinnen untersuchte ich die gestalterischen und räumlichen Merkmale der von Rückkehrern oder Pendelmigranten in der Türkei gebauten Häuser. In verschiedenen Regionen der Türkei wurden türkische Haus- und Wohnungsbesitzer befragt, die in Deutschland gelebt und gearbeitet haben. Das häusliche Umfeld wurde mit künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden bezüglich der räumlichen Organisation und symbolischen Repräsentation analysiert. Insgesamt wurden 132 Rückkehrerhäuser beziehu- ngsweise -wohnungen mittels Foto- und Videoaufnahmen künstlerisch dokumentiert. Mit 37 Immobilienbesitzern wurden qualitative, leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Dabei war es wichtig, Migration nicht im Sinne eines bipolaren Konfliktes zwischen einer Herkunftskultur und einer Aufnahmekultur, sondern im Sinne eines Kommunikationsproz- esses zu begreifen. Annäherung an Fremdes und Abweisung von Fremdem geschieht immer in einem wechselseitigen Austauschprozess, der auch die Migration von Räumen prägt. Durch die raumübergreifende Verortungspraxis der Migranten entstehen »Zwischen-Räume«, im Sinne von »Transtopien« (Yildiz 2013, 36). Räume wiederum konstituieren sich durch die relativen Anordnungen von Körpern, die in Bewegung sind (Löw 2001). Die Bewegung der Remigration stellt nicht die Gegenbewe- gung der Migration dar, sondern eine eigenständige Dynamik von Körpern, Räumen und deren Vorstellungen, die jeden Ort auf einen anderen beziehen. Indem wir diese Bezogenheit
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Mobile Culture Studies The Journal, Volume 4/2018
Title
Mobile Culture Studies
Subtitle
The Journal
Volume
4/2018
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2018
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
182
Categories
Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal
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