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136 Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Stefanie BĂŒrkle | IdentitĂ€t durch Architektur
von Remigranten selbst entworfene oder sogar selbst gebaute HĂ€user untersucht werden. Keiner
der GesprÀchspartner ist daher ein Experte, keiner ist Architekt, Gestalter oder Bauingenieur.
Es kann also von einer Architektur ohne Architekt gesprochen werden: »Architecture Without
Architects [Hervorhebung im Original] attempts to break down our narrow concepts of the art
of building by introducing the unfamiliar world of non-pedigreed architecture.« (Rudofsky 1964,
1). Man könnte auch von vernakulÀrer Architektur sprechen. »Vernacular« steht dabei weniger
fĂŒr eine allgemeine kulturelle IdentitĂ€t, sondern fĂŒr einen zeitgenössischen Begriff der Veror-
tung, um das WechselverhÀltnis von IdentitÀt und Architektur genauer zu beschreiben. Das
Fehlen eines professionellen, also auch intentionalen Gestaltungskonzepts lÀsst die Architektur
»lesbar« werden, da unterschiedliche Rollenbilder und Raumvorstellungen in Umbauten ihren
bewussten und unbewussten Ausdruck finden und nicht allein eine reprÀsentative Funktion,
oder wie es Glassie ausdrĂŒckt, «We call buildings ,vernacularâ because they embody values alien
to those cherished in the academyâ (Glassie 2000, 20). Die Beschreibung einer vernacular
architecture erlaubt die Analyse der Bedeutung von Ă€uĂerer Gestalt und innerer Form, um
daraus Aussagen ĂŒber die IdentitĂ€t des Bauherrn als denjenigen, der sie entwirft, und seiner
Beziehung zum sozialen Umfeld abzuleiten. Dabei spielen die offensichtlichen Funktionen und
Raumzuweisungen weniger eine Rolle als Bilder und Vorstellungen (Rapoport 1977, 60). In
Anlehnung an Rapoports VerstÀndnis, dass Architektur als Ausdruck kultureller IdentitÀt in
einem WechselverhÀltnis zwischen Ausdruck und Eindruck von Kultur und Architektur steht,
kann bei den Bauwerken von Remigranten von einer Wechselbeziehung zwischen (Migrations-)
Biografie und umbautem Raum ausgegangen werden, die lesbar ist.
Im deutschen Sprachgebrauch hat sich â aus naheliegenden, hier nicht weiter ausgefĂŒhrten
GrĂŒnden â fĂŒr Radofskys Begriff der vernacular architecture nicht die wortwörtliche Ăber-
setzung »einheimische Architektur« im Gegensatz zur »reinrassigen Architektur« von Architek-
ten, der pedigreed architecture, durchgesetzt. Stattdessen wird von einer »Anonymen Architek-
tur« gesprochen, wenn von Architektur ohne Architekten die Rede ist. Hier wird im Sprachge-
brauch das Werkhafte, also das FĂŒr-mich der ReprĂ€sentation (Schoper 2010) betont. In diesem
Sinne kann ein Nicht-Architekt auch kein Werk im Sinne eines ĂŒber sich selbst hinausweisen-
den Zeichens schaffen, sondern lediglich ein Bauwerk oder wie es Julius Posener nennt: ein
GehÀuse.
»Anonyme Architektur, also Architektur ohne Architekten, finden wir aus zwei GrĂŒnden
interessant. Einmal haben die Erbauer der BauernhÀuser aller Zeiten und Zonen und auch
der stÀdtischen HÀuser, soweit sie nicht zu reprÀsentieren brauchten, ohne Bindung an den
Formenapparat arbeiten dĂŒrfen, der fĂŒr die hohe Kunst der Architektur geschaffen wurde.
Dabei sind ihnen Hausgestalten gelungen, die kein Architekt zu entwerfen gewagt haben
wĂŒrde. Zum anderen sind das GehĂ€use, welche einem bestimmten Gebrauch aufâs Genau-
este dienen.« (Posener 1981, 359)
Diese GehĂ€use sind aber eben nicht anonym, sondern im höchsten MaĂe persönlich, indi-
viduell und eben sichtbare Gestalt der IdentitÀt des Bauherrn.
Durch visuelle Feldforschung konnten wir drei Haupttypen beschreiben und voneinander
abgrenzen: Das Vorbild-Haus, das sich in Erscheinung und Gestaltung auf ein geschlossenes
Bild bezieht, das die Grundlage fĂŒr eine konkrete Idee zu Beginn des Baus, der meist am
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 4/2018
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 4/2018
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2018
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 182
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal