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Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Stefanie Bürkle | Identität durch Architektur 143
didaktischer Wissensvermittlung besch-
reibt der Anthropologe Wilton Martinez
(1995, 150) Beschreibung in den kontro-
versen Reaktionen von Ethnologiestud-
ierenden auf ethnologische Filme, deren
verschiedene Lesarten als Filmzuschauer
zu seiner Überraschung nicht den Inten-
tionen dieser Ethnologen entsprechen.
Bezogen auf die konkrete Szenografie
der Ausstellung von »Migrating Spaces«
funktioniert die Vorstellung vom »off-
enen Kunstwerk« schon allein dadurch,
dass kein lineares Narrativ im Sinne eines
Dokumentarfilmes gezeigt wird, son-
dern eine Komposition aus vier translu-
centen Videoleinwänden, die frei verteilt
im Raum positioniert sind. Im Modell
wurde diese Hängung zuvor erarbeitet.
Der Besucher kann von keinem
Punkt im Raum aus alle vier Videolein-
wände gleichzeitig einsehen. Die Tonspur
mit Aussagen von Interviewpartnern und
Tonaufnahmen läuft über Lautsprecher
im Raum, Untertitel auf Türkisch und
Englisch sind so auf Raumwände proji-
ziert, dass sie problemlos lesbar für den
sich im Ausstellungsraum bewegenden
Betrachter sind. Jede Besucherin, jeder
Besucher schneidet sich gewissermaßen
durch das Gehen im Raum im Schauen ihren und seinen eigenen Film, niemand sieht identisch
dasselbe Werk. Es entstehen im Sinne Ecos eine Vielzahl an Hervorbringungen eines Werkes,
das als solches natürlich immer offen sein muss, um den Betrachtern den Raum eigenen Den-
kens zu ermöglichen.
»Der Künstler, so kann man sagen, bietet dem Interpretierenden ein zu vollendendes Werk:
er weiß nicht genau, auf welche Weise das Werk zu Ende geführt werden kann, aber er
weiß, daß das zu Ende geführte Werk immer noch sein Werk, nicht ein anderes sein wird,
und daß am Ende des interpretativen Dialogs eine Form sich konkretisiert haben wird, die
seine Form ist, auch wenn sie von einem anderen in einer Weise organisiert worden ist, die
er nicht vorhersehen konnte« (Eco 1973, 55).
Die Interpretation von Kunst ist nicht lenk- oder kontrollierbar, da dies aber ein immanen-
ter Bestandteil von zeitgenössischer Kunst ist, denkt die Künstlerin bereits im Schaffensprozess
den Freiraum für subjektive Auslegungen mit.
Abb. 8: Ausstellung »Migrating Spaces«
Haus der Kulturen der Welt, Berlin
©Stefanie Bürkle/VG Bild-Kunst Bonn 2016
Abb. 9: Panel in der Ausstellung »Migrating
Spaces« Haus der Kulturen der Welt, Berlin
©Stefanie Bürkle/VG Bild-Kunst Bonn 2016
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 4/2018
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 4/2018
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2018
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 182
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal