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154 Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Janine Schemmer | Grenzraum in Bewegung
zurückführen lassen. Die Mehrzahl von ihnen setzt sich zum Ziel, lokale Traditionen kulinari-
scher oder landwirtschaftlicher Art zu bewahren und weiterzugeben. Oft verharren die Akteure
dabei in überlieferten Narrativen und öffnen sich neuen Einflüssen und Entwicklungen nur
wenig. Dagegen versuchen die hier vorgestellten künstlerischen Akteure und Initiativen, aus
den Dörfern und von außen kommend, bestehende kulturelle Grenzen und deren Validität
durch ihre Arbeiten zu befragen, zu hinterfragen und vielleicht auch zu überschreiten. Eines
dieser Projekte ist das internationale Kultur- und Kunstfestival Stazione Topolò. Es trägt den
Namen des kleinen Dorfes Topolò, das zur Gemeinde Grimacco gehört, und findet seit 1994 in
den ersten zwei Juliwochen statt. Einige Künstler bleiben den gesamten Zeitraum über im Ort,
und setzen sich während ihres Aufenthaltes mit dem Territorium und den damit verbundenen
Geschichten auseinander. Mit dieser Form der Mobilität von Künstlern, Kulturschaffenden
und -interessierten, die neben unterschiedlichen Akteuren auch die Besucher des Festivals in
die entlegenen Dörfer bringt, mit den konkreten Bewegungen vor Ort und mit den (Alltags)
Praktiken, die mit dem Festival und seinen Beteiligten in die Dörfer und Täler Einzug gehalten
haben, beschäftige ich mich in diesem Beitrag.
Meine ethnografischen Ausführungen basieren auf informellen Gesprächen und Interviews
mit Bewohnern und Kulturschaffenden aus den Tälern und der Umgebung sowie auf teil-
nehmender Beobachtung und Feldnotizen vor und während des Festivals. Ich orientiere mich
für diesen Beitrag an den Erzählungen von Gesprächspartner_innen, insbesondere einer der
Mitbegründerinnen und Kuratorinnen des Festivals Topolò. Anhand des Materials nähere ich
mich den Grenzziehungen und -überschreitungen und damit den kulturellen und transnatio-
nalen Bewegungen und Begegnungen, die in diesem Raum stattfinden, an.
Nachfolgend möchte ich kurz schildern, welche politischen Prozesse diesen Grenzraum
und seine konfliktbehaftete Geschichte prägten. Darauf folgt eine theoretische Annäherung
an die Begriffe Landschaft, Mobilität und Grenzräume. Anschließend betrachte ich die Kul-
turtechnik des Gehens durch die Dörfer, denn die körperliche Bewegung im und durch den
Grenzraum stellte sich einerseits für das Verständnis seiner Geschichte, andererseits für den
gegenwärtigen Zugang durch die Kunst- und Kulturschaffenden als zentral heraus. Daraufhin
vollziehe ich die Entstehung und Entwicklung des Festivals und der Raumaneignung durch die
künstlerischen Praktiken nach. Wie werden Dörfer und Landschaft durch die Künstler wahr-
genommen, und auf welche Weise bespielen sie diese Räume? Im Schluss frage ich, welche Art
der Grenzüberschreitungen die künstlerischen Annäherungen ermöglichen.
Der Grenzraum im östlichen Friaul — Einblick in die Geschichte
An der Brücke von San Quirino lässt sich knapp auch die Geschichte der Täler und der Men-
schen dort erzählen. Die Brücke kann erstens als symbolisch für den ethnischen Konflikt gel-
ten, der seit über 100 Jahren den Alltag in den Dörfern prägt und mitbestimmt. Die Slowenen,
die seit Jahrhunderten in den Dörfern lebten, bilden seit dem Prozess der italienischen Natio-
nenbildung die Minderheit in der Region. Fabio Bonini, etwa 70 Jahre alt, den ich durch sein
Engagement in einem der vielen lokalen Kulturvereine der Dörfer kenne, erklärt bei einem
unserer Treffen, dass die Brücke die ethnische Grenze zwischen den Slowenen und den Friau-
lern bildet:
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 4/2018
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 4/2018
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2018
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 182
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal