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160 Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Janine Schemmer | Grenzraum in Bewegung
Zwischendurch passiert man immer wieder kleine Plätze,
Gärten und Terrassen. Bis auf die Kirche existieren keine
dörflichen Infrastrukturen mehr. In Topolò kann man
sich leicht verlieren, die kleinen Abzweigungen laden zu
Abstechern ein, die zum Teil direkt in die Natur führen,
aber genauso leicht findet man wieder auf den Hauptweg
zurück. Der Ort und seine Lage inmitten der Natur ver-
führen dazu, neue Wege einzuschlagen, neue Richtungen
auszuprobieren, und sich dem Zufall und Entdeckungen
zu überlassen. Der Ort wirkt wild, romantisch, still, aber
auch abgelegen, einsam und verlassen, ist Ruhepol und
Randzone gleichermaßen.
Als das Festival Stazione Topolò erstmals durchge-
führt wurde, fand man den Ort noch auf keiner Land-
karte, bekräftigt Donatella. Der Fall der Mauer war
damals gerade erst wenige Jahre vergangen, und die
Stimmung des Kalten Krieges prägte die Mentalität der
Menschen. Dennoch war den Gründern klar, dass das
Festival nur hier funktionieren würde. Der damalige
Partner von Donatella kam selbst aus Topolò, anfangs
lebten beide dort. Donatella betont, dass die Bewohner
des Dorfes besonders zugänglich und der Idee gegenüber
tolerant waren, und für sie die Natur stets von Wichtigkeit war. In einem anderen Dorf wäre
die Durchführung nicht möglich gewesen. Schon in den ersten Jahren kamen die Künstler aus
unterschiedlichen Ländern. Finanziert wurde das ganze durch einen Verein, den sie betrieben.
Ein Projekt, das auch nur ein Jahr hätte dauern können. Und sich dann aus unterschiedlichen
Gründen verselbständigte. Irgendwie, so Donatella, entwickelte sich immer alles von alleine.
In den ersten Jahren wurden vor allem Kunstinstallationen gemacht. Die Ideen entstanden vor
Ort, die Ergebnisse wurden während des Festivals gezeigt. Nach einigen Jahren wandelte sich
dieser Zugang. Die Idee von Topolò wurde immer imaginativer.
Die Bewegung und die Mobilität stecken bereits im Namen des Festivals: die Stazione
nimmt in erster Linie auf den Bahnhof Bezug, der im Ort fehlt. Eine Station ist ein Ort, an
dem sich Wege und Pfade kreuzen, ein Ort der Ankunft und der Abreise, ein Durchgangsort.
Damit verweist der Name auf die schwierige Randlage des Dörfchens. Die Bezeichnung, so
Donatella, steht ganz bewusst für etwas, das nicht in materialisierter Form vorzufinden ist:
»Topolò war ein Ort, den man nicht mal auf Landkarten gefunden hat. Machen wir es also
zu einem Ort der Begegnung, war unser Credo. Also zum Gegenteil dessen, was man schließ-
lich vor Ort vorfindet. Aber die Stazione steht natürlich auch für viele andere Metaphern. Und
diese wurden von den Künstlern auch aufgegriffen: von der Bahnhofshalle über die Stationen
des Kreuzweges. Aber ich erinnere mich, am Anfang diskutierten auch die Bewohner darüber.
In der Bar meiner Mutter sagten sie, es gibt doch nicht mal einen Bus, und jetzt wollen sie den
Zug nach Topolò holen? Weil wir von dieser Station wie von einem echten Bahnhof gesprochen
haben. Und überhaupt wusste ja niemand, ob es sie tatsächlich gab oder nicht. Wie sie war,
Abb. 3: Am Hang des Berges Kolov-
rat liegt, umgeben von Wäldern,
Topolò, Robida Nr. 5/2018, S. 6.
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 4/2018
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 4/2018
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2018
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 182
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal