Page - 163 - in Mobile Culture Studies - The Journal, Volume 4/2018
Image of the Page - 163 -
Text of the Page - 163 -
Mobile Culture Studies. The Journal 4 2o18
Janine Schemmer | Grenzraum in Bewegung 163
dialen interaktiven Museum SMO (Slovensko multimedialno okno/das multimediale Fenster
nach Slowenien). Begründerin des Museums, das aus einem EU-Projekt hervorging und sich
genau wie ihre Schule im größten Ort befindet, war ebenfalls Donatella. Das Museum erzählt
an einzelnen Objekten Traditionen und Bräuche, es erzählt mit neuen Instrumenten wie eben
dem Live-Painting auch die Kriege und ihre Auswirkungen. Es thematisiert die ökonomischen
Probleme dieser Landschaft, etwa am Beispiel der letzten Molkerei, und inszeniert die Natur
visuell und als Soundscape. Das zentrale Anliegen, so Donatella, ist es, die jungen Menschen
für die Gegend und den komplexen Alltag zu sensibilisieren. Die Ausstellung ist zudem zwei-
sprachig konzipiert und zeigt damit die Vielfalt und die verbindenden Elemente im Grenz-
raum auf. Durch die Repräsentation der Geschichte anhand unterschiedlicher künstlerischer
Zugänge und Elemente verbindet die Ausstellung die künstlerischen Praktiken mit der Alltags-
perspektive der Menschen vor Ort und holt die Kunst aus Topolò ins Museum, das wiederum
von einem anderen Publikum aufgesucht wird.
Formen und Möglichkeiten der Grenzüberschreitungen – Transkulturelle
Annäherungen
In den Tälern des Natisone lässt sich anschaulich nachvollziehen, »wie globale Transformati-
onsprozesse [wie Migration] sich in einem lokalen Handlungsfeld widerspiegeln« (Scholz-Irrlitz
2008, 8) und in dynamischen Bewegungen neu ausgehandelt werden. Die Stazione Topolò lässt
sich daher nicht als Ausstellungsort, sondern vielmehr als Prozess begreifen, der Spuren mate-
rieller Art (etwa durch den Aus- und Umbau von ehemaligen Wohn- und Geschäftsräumen),
stofflicher, ideeller, kultureller und relationaler Art aufgreift, diese umgruppiert, neuformiert
und neu artikuliert (vgl. Braun 2006, 24). So lassen sich etablierte Erzählungen aufbrechen und
mit neuen Inhalten besetzen.
Kunst wird hier also nicht ausschließlich als Motor für eine Erneuerung des ländlichen
Images oder der Infrastruktur eingesetzt bzw. gesehen. Es geht nicht nur um die Aufwertung
der Gegend und um eine Attraktion, die Besucher anziehen soll. Im Fokus steht vielmehr
die inhaltliche und künstlerische Auseinandersetzung mit vergangenen und gegenwärtigen
Lebenswelten und Alltagen in Randzonen und mit aus vielen Gründen verlassenen und verges-
senen Landschaften.
Von verschiedenen Seiten wurde der Vorwurf laut, die Stazione sei kaum für die lokale
Bevölkerung konzipiert, sondern sehr in sich geschlossen und spreche vielmehr die Künstler
an, die sich dort entfalten können, aber unter sich bleiben. Ein Ferienort also für Künstler und
Kulturschaffende (vgl. Ramsden&Shaw 2003, 189)? In gewisser Weise mag das zutreffen. Aber
durch unterschiedliche Interventionen und Verknüpfungen erlangte das Festival und damit
auch die Gegend internationale Bekanntheit und kreiert transversale relationale Netzwerke.
Damit können sich wiederum neue Handlungsspielräume für unterschiedliche Akteure erge-
ben.
Die künstlerische Beschäftigung mit den Dörfern und ihrer Geschichte löst die ökonomi-
schen und strukturellen Probleme der Anwohner, die in dieser entlegenen Region leben, nicht.
Es ist auch nicht das Anliegen der Kuratoren des Festivals, vergangene Geschichten nachzuer-
zählen. Sie suchen vielmehr nach neuen Lesarten der Landschaft und ihrer Räume, und tun
dies, indem sie die relationalen Praktiken in den Vordergrund stellen und diese über einen län-
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 4/2018
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 4/2018
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2018
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 182
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal