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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
trachten.SieenthaltenElementederAbschließungwiederÖffnungundsolche,
die ambivalent sind unddeshalb stark von ihrer jeweiligen Interpretation ab-
hängen.Angesichts derHerausforderung, vordie der interreligiöseDialog die
Religionen stellt, gilt es, in ihnen gerade eine Hermeneutik derÖffnung zu
entwickelnundzupflegen.
Alsmich 2017 in Teheran ein iranischer Dialogteilnehmer fragte, ob diese
HermeneutikderÖffnung,mittelsder ichdasChristentuminterpretiere,nicht
selbst einKrisenphänomen sei,welches die Folge einer SchwächungundMar-
ginalisierungdergesellschaftlichprägendenKraftdesChristentumssei,stimmte
ich ihmmitVorbehaltzu.Sie istnichtnurdas. IndemerwähntenKontexteines
Bedeutungsverlustes (wenigstens inEuropa) ist sieauchdieWiederentdeckung
von etwas, was in dieser Tradition zuinnerst angelegt ist und auf Formen der
Neuinterpretationwartet.
2) ImFolgenden gehe ich auf eine zentrale Stelle imNeuenTestament ein,
welchealseinederartigeFormderÖffnung interpretiertwerdenkann,nämlich
auf das Ende des Johannes-Evangeliums. Das vierte der Evangelien stellt als
GanzeseinefreieRelektüreder indenanderenEvangelienerzähltenGeschichte
Jesu dar und steht nicht für sich selbst. Unabhängig von der Frage, welche
Quellen demAutor vorgelegen haben, zeigt dies schon seinOrt imbiblischen
Kanon:WerdasNeueTestamentzulesenbeginnt, lernt indendreisogenannten
synoptischen Evangelien, diemit großen Parallelen, aber auchUnterschieden
geschilderte Erzählung Jesu kennen. Der Leser, die Leserin wird durch die
dreimalige Darstellung, welche nicht zu einer einheitlichen Jesus-Biographie
harmonisiertwurde,daraufvorbereitet,dassderUmgangmitdieserGeschichte
hermeneutischeKompetenzundeineFormderOffenheit verlangt.Das sichan
die synoptischen Evangelien anschließende Johannes-Evangelium erzählt die
Geschichte Jesu noch einmal in einer versetzen, verschobenenWeise. Dabei
werdenimmerundimmerwiederzweiSichtweiseneinandergegenübergestellt:
DerVersuch, dieErzählung Jesu–oder in anderenWortendenTextderEvan-
gelien, des Lebens Jesu, aber auch der Torah, desVolkes Israel – in einer un-
mittelbarenbuchstäblichenWeiseoderineinerfreiengeistigenInterpretationzu
lesen:„DerGeististderLebendigmachende“(Joh6,63).InphilosophischerSicht
stelltdasEvangeliumvordieAlternative,dasSein,dieWirklichkeit,denTextals
etwas unmittelbar Fassbares und in endlichen Schritten Bestimmbares, d.h.
letztlich als etwas Technisches, anzusehen oder aber deren geistig-offene Di-
mension anzuerkennen.10Mankönnte in Bezug auf das Johannes-Evangelium
auchvoneinerRelektürederErzählungJesu imGeist sprechen.
10 DieSpannungzwischeneinerbuchstäblichenundeinergeistigenDeutungdesTextesistder
eigentliche das Johannes-Evangelium prägende Konflikt. Dieser lässt sich nicht auf zwei
voneinandergeschiedenenGrößenJudentumundChristentumapplizieren.Vielmehrgehtes
InterreligiöserDialog,öffentlicherRaumundÄsthetik 163
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik