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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
DieVerbindungvonReligionundöffentlichemRaumwirdgegenwärtig vor
allemmit Blick auf die Frage der Sichtbarkeit religiöser Symbole diskutiert.
Stellvertretenddafür seien dieKontroversenumdenGesichtsschleier unddas
Kreuz15 genannt. Kaum jedoch wird öffentlicher Raum mit interreligiösem
Dialog inVerbindunggebracht.Unddoch setzt LetztererdieExistenzöffentli-
chenRaumes voraus, der eine allgemeineZugänglichkeit fürMenschenunter-
schiedlicher religiöser und nicht-religiöserÜberzeugungen gewährleistet, die
einander dort begegnenkönnen. Zwarmag es eine historisch bedingteDomi-
nanz einer Religionsgemeinschaft geben (inÖsterreich sind dies Kirchen an
zentralenPlätzen), deröffentlicheRaumverschwände jedoch,wenn eineReli-
gionsgemeinschaftseineKontrolleübernähme,dieBedingungenseinesZugangs
regulierte und ihn über eine längere Zeit symbolisch besetzte (etwa durch
ständige Inszenierung religiöserVeranstaltungen). Gibt es keineRäumegleich-
berechtigter Zugänglichkeit für Mitglieder aller religiösen Bekenntnisse wie
auch säkularer Bürgerinnen undBürger, bleiben Formen desDialogs, die auf
explizite Einladung einerReligionsgemeinschaft an die von ihnenverwalteten
Orte erfolgen, nur punktuelle Ereignisse, denen ein breiterer Resonanzraum
fehlt.
2) Versteht man interreligiösen Dialog nicht bloß als eine zu begrüßende
individuelle oder gemeinschaftliche Bereitschaft undOffenheit zu gegenseiti-
gemAustausch, sondernbedenkt ihn inseineröffentlichenDimension,mögen
politikwissenschaftlicheKonzepte,öffentlichenRaum in seiner agonalen, d.h.
konfliktivenDimension16zufassen,zunächsthilfreichsein:„Daskontinuierliche
Aufeinandertreffen und Aushandeln von unterschiedlichen Interessen und
Wertvorstellungen, von – auchwidersprüchlichen – Bedeutungszuschreibun-
gen, ist das, was öffentliche Räume ausmacht.“17 Das Zusammenleben von
Menschen unterschiedlicher Religionen stellt immer wieder vor Aushand-
lungsprozesse, wobei diese auch ein gewissesMaß anVerstehen der anderen
Traditionerfordern.DiebloßeBerufungaufdieallengleichermaßengarantierte
Religionsfreiheit ersetztdasBemühenumFormenminimalenVerstehensnicht
unddrohtohne sie abstrakt zubleiben.NimmtmandenVersuch einesVerste-
hen-Wollens ernst, wird es fraglich, ob ein agonales Verständnis öffentlichen
15 IngeborgGabriel hat sichmit demVersuch einer sachlichenKlärung indie emotional ge-
führteDebatte eingeschaltet, vgl.Gabriel,DasKreuz imWiderstreit, S. 269f.
16 Vgl. OliverMarchart, Kunst, RaumundÖffentlichkeit(en). Einige grundsätzlicheAnmer-
kungen zumschwierigenVerhältnis vonPublicArt, Urbanismus undpolitischer Theorie,
vgl.http://eipcp.net/transversal/0102/marchart/de/print (letzterZugriff: 26.04.2019).
17 KathrinWildner, La Plaza:Öffentlicher Raumals Verhandlungsraum, http://www.republi
cart.net/disc/realpublicspaces/wildner01_de.htm (letzter Zugriff: 26.04.2019); vgl. auch
KathrinWildner/HilkeMaritBerger,DasPrinzipdesöffentlichenRaums,http://www.bpb.
de/politik/innenpolitik/stadt-und-gesellschaft/216873/prinzip-des-oeffentlichen-raums
(letzterZugriff: 03.04.2019).
InterreligiöserDialog,öffentlicherRaumundÄsthetik 167
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik