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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
zialeWerkderOrthodoxenKirche,durchdieGeschichtehindurchundauch in
unsererZeit, ignoriert, soll indiesemArtikelverdeutlichwerden.
1. TheologischeAnnäherung
a)WährenddieBeschreibungdeskirchlichenLebensinderOrthodoxiemitdem
Begriff„Liturgie“sehrtreffendist,stelltdasVerständnisder„Liturgie“imSinne
eines ausschließlich kultischen Geschehens, was auch in derWiedergabe des
Worteskeitouqc_amit„Gottesdienst“mitklingt,eingroßesMissverständnisdar.
DieLiturgie lässt sichnicht indievierWändedesKirchenraumeseinschließen.
SiebezeichnetvielmehrdasLebenderKircheinseinerGanzheit.DasLebender
Kirche ist „einDienst zurVerwirklichungdesReichesGottes auf Erden“4, was
nichtdurchdieAbwendungvonderWelt,sonderngeradedurchdieÖffnungund
dieZuwendungzurWeltgeschehenkann.
DieeucharistischeFeier,diedasWesenderkirchlichenAllliturgieausmacht,
istnichtderOrteiner reinvertikalenBegegnung jedesEinzelnenmitGott.Wie
auchErnstBenznotierte,dieLiturgiebringtdemGläubigen„immeraufsNeue
seineStellungzuGottundzumNächstenzumBewusstsein“.5DerMenschagiert
als „relationalesWesen“, als Person. Esherrschender „liturgischePlural“ und
das„liturgischewir“.Glaube,Gebet,Frömmigkeit,hörenauf,„mein“zuseinund
sie werden „unser“.6Hier handelt es sich um ein „Wir“, das „auf eine Größe
andererOrdnungalsjeglicheFormeinersoziologischenGesellschaft“7hinweist.
Die Kirche ist „keine Anhäufung von Individuen, sondern ein lebendigerOr-
ganismus,indemdieGliederzumHaupt,d.h.Christus,undzueinanderineiner
existentiellenLebensbeziehungstehen“.8 Ich sprechevoneiner „KulturderSo-
lidarität“.Mankönnte auchvon einem„ekklesialenPersonalismus“ sprechen,
um demVorwurf des Kommunitarismus gegen die Orthodoxie zu begegnen.
4 AnastasiosKallis,Orthodoxie.Was istdas?,Mainz1979,S. 63.
5 Ernst Benz,Menschenwürde undMenschenrecht in der Geistesgeschichte derÖstlich-Or-
thodoxen Kirche, in: Ders., Die russische Kirche und das abendländische Christentum,
München1966,S. 74–115,hier: S. 85.
6 Vgl. IoannisZizioulas,DieWelt indereucharistischenSchauundderMenschvonheute, in:
Una Sancta 25/1970, S. 342–349: Die Eucharistie beinhaltet eine positive Aufnahme der
Schöpfung. ZumKerndes orthodoxenEthos gehört der eucharistischeGebrauchderWelt.
DerChrist fühlt sich nicht alsHerr undBesitzer, sondern als „Priester“ der Schöpfung. Er
kennt die kosmologischen Folgen der Sünde, weiß aber zugleich von der Erlösung als Er-
neuerung der ganzen Kreatur. In der Eucharistie wird am deutlichsten offenbar, dass das
HeilsgeschehennichtnureindenMenschenunddiemenschlicheGemeinschaftbetreffendes,
sonderneinkosmischesEreignis ist.
7 Kallis,Orthodoxie, S. 65.
8 Ebd.
KonstantinosDelikostantis176
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik