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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
AuchdasHeiligeundGroßeKonzilderOrthodoxenKirche(Kreta2016),hat
imDokument„DerAuftragderOrthodoxenKircheinderWeltvonheute“undin
seiner „Enzyklika“, imSinne einer konsequentenAktualisierungdes eucharis-
tisch-eschatologischenWesensderKirche,mutigzudengroßengegenwärtigen
sozialenProblemenStellungbezogenundaufkonkreteMöglichkeitenundWege
ihrerÜberwindunghingewiesen.
InderMittedeschristlichenZeugnisses inderWeltstehtdieunzertrennliche
EinheitvonGottesliebeundNächstenliebe.JesusChristusverbandmitEmphase
das „erste undgroßeGebot“derLiebe zuGottmit dem„zweiten“, demersten
„gleichen“,GebotderLiebezumNächsten (Mt. 22,36–40).Under fügtehinzu:
„IndiesenzweiGebotenhängtdasganzeGesetzunddiePropheten“. ImNeuen
Testament gibt es zwei außerordentliche Texte, welche die Beziehung zum
Nächsten,denWertderkonkretenPhilanthropieundSolidarität,hervorheben:
dasGleichnis vomBarmherzigenSamariter (Luk.10,25–37), diePerikopevom
Weltgericht (Mt. 25,31–46).
Im Samaritergleichnis werden wir aufgerufen, „Nächster“ zu werden für
jeden, der unsereHilfe braucht, ohne zu fragen, ob er einer vonuns oder ein
Fremder ist, ohneGrenzeundohneAusnahme. „Nichts darfst du fragen, son-
dern du bist immer gefragt und gefordert. Du bist immer der Nahe und der
Nächste, auchgegendenFremdenundFernen“.20DiezweinegativenGestalten
desGleichnisses sind der Priester und der Levit, das Prototyp des in sich ge-
schlossenenMenschen, die Vertreter einer Religion des Buchstabens des Ge-
setzes,der selbstgerechtenHaltungderReinen.Sie sahendenunterdieRäuber
gefallenen„undgingenvorüber“,heißt es imEvangelium.
InderErzählungvomWeltgericht identifiziert sichChristusmit seinen„ge-
ringsten Brüdern“, mit den Hungrigen, den Durstigen, den Fremden, den
Nackten,denGefangenen.Ernenntdiejenigen,die ihnengeholfenhaben, „die
gesegneten“seinesVatersundgibt ihneneinenPlatz imReicheGottes.Alledie
dasElendunddieNot ihrerMitmenschen ignorierthaben, sinddie „Verfluch-
ten“,welchedas„ewigeFeuer“erwartet.
Esistbemerkenswert,dasssowohlimSamaritergleichnis,wieausdenWorten
desSchriftgelehrten,derJesus„versuchte“mitderFrage„Meister,wasmussich
tun,dass ichdasewigeLebenererbe?“(Lk. 10,25)deutlichwird,alsauchinder
Erzählungüberdas Endgericht, die tätige Liebe zumNächsten ganz eindeutig
einen soteriologischenBezug hat. In der orthodoxenTraditionwird dieHölle
dargestellt als der Ort, an dem dieMenschen das Gesicht des Anderen nicht
sehenkönnen,weil ihreRückenaneinander gekettet sind.Hölle ist das Fehlen
jederBeziehungzumanderen,dieEinkerkerungdesMenscheninsichselbst,der
homoclausus,dieäußersteEntfremdungdesMenschen.
20 KarlHermannSchelkle,TheologiedesNeuenTestamentsIII:Ethos,Düsseldorf1970,S. 129.
KonstantinosDelikostantis180
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik