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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Die personzentrierteOrthodoxeAnthropologie setzt sich von allen umdas
Individuum zentrierten Anthropologien deutlich ab. „Personalität im Unter-
schied zu Individualität bedeutet, dass ichmeine Identität aus einemGemein-
schaftsgeschehen herleite und nicht aus der Isolierung oder der SelbstgenĂĽg-
samkeit“.21Deswegengilt es: „EinePersonbedeutetkeinePerson“.22
DasOrthodoxeEthoskannamgeeignetstendurchdenTerminus„Kulturder
Person“ charakterisiertwerden.Das ganze kirchlicheLeben ist eine „Gemein-
schaft der Relationen“, wo die Freiheit, „zu der uns Christus befreit hat“
(Gal. 5,1),„gemeinsameFreiheit“(joimµ1keuheq_a)23 ist,keineFreiheitvondem
Anderen, sondern eineFreiheitmit ihmund fĂĽr ihn ist, die sich als Liebeund
Brüderlichkeit verwirklicht. PersonseinmeintWiderstandgegendenEudämo-
nismus,gegendieSelbstzentriertheitunddieBeanspruchungdes„individuellen
Rechts“,welchetiefeGräbenzwischendenMenscheneröffnen.IneinerZeit,wo
vonVielen die Freiheitmit derKunst derVermeidung vonBindung undVer-
pflichtung,mitderPriorität desprivatenGlücksundderSelbstverwirklichung
identifiziertwird, ist dieRede vonFreiheit als SelbstĂĽberwindungundSelbst-
verzicht ein revolutionärerAkt.24
Ganz gewiss, die Zukunft gehört nicht dem isolierten Individuum, der nur
Ansprüche stellt undnicht dient. Sie gehört auchnicht demGemeinschaftsra-
dikalismusunddemKollektivismus,welchedieFreiheit derPerson imNamen
kollektiver Zielsetzungen eliminieren, sie der „Gesellschaft“ undweltfremden
Utopien opfern. Ohne echte humane Perspektive ist auch der prometheische
Titanismus, sei es als szientistischeSelbstüberschätzungderWissenschaftund
derTechnik,welchediemenschlicheArroganznährt,oderalsDeifizierungdes
ökonomischenFortschritts, welche die naturalenBedingungendes Lebens auf
Erdenzerstört, sei es alsmaßlosesMachtstreben inderPolitikohne jedenRe-
spekt für Freiheit undGerechtigkeit. Die Zukunft gehört der Kultur der Soli-
darität, der vernünftigenMitmenschlichkeit.
3. Epilogisches
DiechristlichenKirchensindheuteaufgerufen,unterdenZeicheneinergroĂźen
weltweiten„KrisederFreiheit“undder sichausbreitendenEntsolidarisierung,
Zeugnis zu geben vom Evangelium der Freiheit in Christus. Die Orthodoxe
21 Ioannis Zizioulas, Eschatologie und Geschichte, in:Ă–kumenische Rundschau 35/4/1986,
S. 373–384,hier: S. 381.
22 Ders.,DasRechtderPerson,Sonderdruck,AkademievonAthen,Athen1977, S. 591 (grie-
chisch).
23 NikolaosKabasilas,VomLeben inChristo, IV,PG150,S. 493–726,hier: S. 653A.
24 Delikostantis,Konstantinos,DerZauberderAskese,Athen2011(griechisch).
Wiesozial istdieOrthodoxeKirche? 181
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik