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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
stand.Wer in einer Gesellschaft leben darf, wer (wieweitgehend) partizipati-
onsberechtigt ist, wie sich Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit zueinander
verhalten undwelche Rolle dabei ethnische, kulturelle und religiöse Aspekte
spielen, ist zu einem Fragenkomplex geworden, der kontroverse und vielfach
ideologisch aufgeladene öffentliche Debatten nährt und eingespielten demo-
kratischen Verfahren angesichts heterogener Erfahrungshintergründe in Ein-
wanderungsgesellschaftendieSelbstverständlichkeitnimmt. IndiesemKontext
stellt sichdie Frage,welcher Stellenwert demreligiösenFreiheitsrecht in einer
Demokratie zukommensoll, neu(3).
2. GehtvonReligionunddemRechtauf freie
ReligionsausübungeineGefahr fürdieDemokratieaus?
In diesem Abschnitt werde ich fragen, ob und inwiefern Religion und freie
Religionsausübung in der Gesellschaft Konfliktpotentiale für die Demokratie
bzw. für eine demokratischeGesellschaft implizieren (können) undwie diese
ggf. zugewichtensind.DreiEinwände,die indergesellschaftlichenundpoliti-
schenÖffentlichkeit und in der wissenschaftlichen Debatte erörtert werden,
stelleichindergebotenenKürzetypisierendvorundwägesieaussozialethischer
Perspektiveab.
Erster Einwand: Religion ist nicht kompatibelmitweltanschaulichemPluralis-
mus.
Skepsis gegenüberderDemokratieverträglichkeit vonReligionwirdanderEr-
wartung festgemacht, religiöseWahrheits- bzw. Geltungsansprüche seienmit
dem weltanschaulichen Pluralismus moderner Gesellschaften grundsätzlich
nichtverträglich.DennwerselbstdenZugangzurWahrheitzubesitzenglaube,
werdederenGeltungsanspruchunbedingtverteidigenundkönnefolglichweder
konkurrierendenGeltungsansprüchen Toleranz oder gar Anerkennung zollen
noch ein positives Verhältnis zu der in politischen Entscheidungsprozessen
notwendigenRelativierungvonGeltungsansprücheneinnehmen.4
FürsolcheSkepsisgebenreligiöseStimmenzuweilenAnlass,undzwarv.a. in
Fragen, die nicht unmittelbar die religiöseWahrheit, sondern religiös konno-
tierteMoralerwartungenbetreffen. Beispiele dafür sind etwadie in vielenGe-
sellschaftenhöchstkontroversgeführtenDebattenumdenSchutzdesungebo-
renen Lebens oder um die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher
4 Vgl.u.a.Karl-HeinzLadeur/InoAugsberg,Toleranz–Recht–Religion.DieHerausforderung
des„neutralen“StaatesdurchneueFormenderReligiositätinderpostmodernenGesellschaft,
Tübingen2007.
DasRechtaufReligions-undWeltanschauungsfreiheit 281
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik