Page - 300 - in Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben - Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Indessenbleibt zubezweifeln, dassKonzeptedesGerechtenvonKonzepten
desguten, sittlich „richtigen“ (Zusammen-)Lebensdurchgängigablösbar sind,
obalso,wasaufdasGleichehinausläuft,eineöffentlichepolitischeVernunftvon
jeglicher „Kontaminierung“ durch „umfassende Lehren“ freigehalten werden
kann.Die fundamentaleUnterscheidungzwischenRechtundMoralbildetzwar
einunhintergehbaresnormativesRegulativ,durchwelcheseinemfreiheitlichen
Rechtssystem aufgegeben bleibt, sittliche Selbstbestimmung zu ermöglichen,
ohne ihr inhaltlichvorzugreifen.DiesesRegulativ erweist sich aber als nie de-
finitiveinlösbar,weilseinejekonkreteUmsetzungaufsittlicheGrundannahmen
angewiesenbleibt, die es stets zugleich als zupartikulären „umfassendenLeh-
ren“gehörig zuüberwinden trachtet. Prinzipiendes „Gerechten“ alsKriterien
für die Legitimation des Gemeinwesens bleiben also unhintergehbar aufMo-
mente des „Guten“ angewiesen, die sich unter liberalem Anspruch zugleich
fortdauerndselbst zuneutralisierensuchen.
AnBeispielenmangeltesnicht.SiezeigensicheinmalanfastallenFragen,die
einen unabweisbaren Bezug zum Anspruch der Menschenwürde aufweisen:
Inwieweit soll ungeborenem oder sterbendemmenschlichen Leben oder der
natürlichen genetischen Integrität desMenschen eine rechtlich gesicherteUn-
verfügbarkeit zuerkannt werden? Weitere Fragen betreffen heute etwa den
rechtlichenUmgangmit der Vielfalt geschlechtlicher Partnerschaften und fa-
miliärer Lebensformen, vor allemaberdasVerhältnis desMenschen zu seiner
eigenenZukunftundzurZukunftseinerUmwelt:WelcherrechtlicheStatussoll
künftigenGenerationenundihren(Über-)Lebensinteressenzuerkanntwerden?
WelchenZuschnitt soll der rechtliche SchutzdesTierwohls oderder Integrität
vonNatur undUmwelt haben, undwelchen Stellenwert soll er im Systemder
Rechtsgüter einnehmen?
Solche Fragen weisen unvermeidlich Bezüge zu Elementen umfassender
Weltanschauungen auf. Für die Grenzfragen des direkten Umgangs mit
menschlichemLebenliegtdiesaufderHand,sindhierdochethischeIntuitionen
überBegriffundSinngebungmenschlichenDaseinsunmittelbarwirksam.Aber
auchFragendesUmgangsmit derUmwelt unddennatürlichenLebensgrund-
lagenderMenschheit lassensichnichtalleinmitfreistehenden,weltanschaulich
unbeeinflussten Argumenten bewältigen. Das zeigen die in diesem Zusam-
menhang vielfach artikulierte zivilisatorische Entfremdungskritik ebensowie
die vielfältigenPostulate eines „Umdenkens“ zugunsten einesLebens im„Ein-
klang“mitNatur,Um-,Mit-undNachwelt.
Es scheint also, als obdasAnliegen,denpolitischenDiskurs vonEinflüssen
umfassender, „metaphysischer“ Theorien unterschiedlichster Prägung freizu-
halten, nicht einlösbarwäre. VerstehtmandiesesAnliegen als Fortschreibung
dessen,wasderProzesspolitischerSäkularisierungeinst inGanggesetzthat,so
hätte es als normativeVorgabenicht nurden spezifischenReligionsbezugver-
StefanHammer300
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik