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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
Angesichtsdieserunentrinnbaren,weil konstitutivenweltanschaulichenBe-
fangenheit vonPolitik verbleibt nurmehr die Suche nach einemSäkularitäts-
verständnis, das wiederum auf die Tugend der Toleranz bezogen wird und
gleichsamderen institutionellenNiederschlagbildet. Esgehthier,umesnoch-
mals klarzustellen, nichtmehrdarum,dieprivate Freiheit vonOrientierungen
undPraktikenüberbloßepolitischeDuldunghinausdurch institutionelleGa-
rantien grundrechtlicherArt abzusichern. Es gilt vielmehr, dendas rechtliche
System gleicher Freiheit überschießenden Aspekt von Toleranz, nämlich die
politische Duldung der Gleichzeitigkeit widersprechender Rechtfertigungsan-
sprüche andieses System selbst, auf dieRechtfertigungsstruktur des liberalen
Gemeinwesenszubeziehen.
Im Umgang mit dieser rechtfertigungsbezogenen Diversität begegnen in
einschlägigenSachbereichen immerwiederpolitischeEntscheidungen,diewie
prinzipienlose Kompromisse wirken, weil sie keinem der widerstreitenden
Geltungsansprüche gerecht werden. Dies zeigt sich inMaterien wie Schwan-
gerschaftsabbruch, Forschung an Embryonen, Gentechnik, aber auch Tier-
schutz.Mankanneine solchepolitischeHerangehensweise jedochauchals ein
Bemühen darum verstehen, dass sich widersprechende weltanschauliche
Grundauffassungendarinwenigstens insoweitberücksichtigtsehenkönnen,als
ihnen ihre jeweilige Unwiderlegbarkeit zugestanden wird. So finden sich in
einschlägigen Regelungszusammenhängen vielfach Elemente, die als Zuge-
ständnis an diemögliche Rechtfertigbarkeit gegensätzlicher Grundpositionen
gelesenwerden können, auchwenn diese im betreffenden Regelungskomplex
dann insgesamt nur fragmentarischund inkonsistent umgesetzt sein können.
Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch oder zur Reproduktionsmedizin
etwakönnenals Zugeständnisse andieUnverfügbarkeit sowohl desmenschli-
chen Lebens als auch der reproduktiven Selbstbestimmung der Frau gelesen
werden.Desgleichenkann inRegelungenzurRechtsstellungdesTieres sowohl
eineAnerkennungseinerWürdeals aucheineBestätigung seiner sachgleichen
Verfügbarkeit für den Menschen gesehen werden. In Wahrheit werden die
konfligierenden Grundpositionen damit rechtlich weder bestätigt noch ent-
kräftet, sondernbloß in ihrerRelevanzanerkanntundzugleichunentschieden
stehen gelassen. Daher können solche Lösungenweder als Beispiele für einen
„überlappendenKonsens“ imSinnevon JohnRawls14gelten, nochgar für eine
definitive, hinreichendeRechtfertigung ausweltanschauungsfreienPrinzipien.
Sie lassendie involviertenGrundsatzfragenvielmehrerkennbarunbeantwortet
undhaltensie sozugleich fürden fortlaufendenpolitischenProzessoffen.
Auf dieseWeise gerinnt die zunächst als persönliche Haltung verstandene
Toleranz zurDispositiondespolitischenSystems,weltanschaulich (also durch
14 Rawls,Liberalism,S.134–149.
StefanHammer302
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik