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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
2. Der islamischeSchleierals „pious fashion“19?
Für die zeitgenössischen politisch stark gefärbten und häufig instrumentali-
siertenDiskussionenrundumdenislamischenSchleiererweisensichindiesem
Zusammenhang im Besonderen die Untersuchungen der Ethikerin Elizabeth
Bucar als hilfreiche Korrektur, da sie die Diskussionen vor demHintergrund
konkreter historischer Kontexte betrachtet und damit die häufig vernachläs-
sigtenLebensrealitätenvonFrauenmit indenBlicknimmt. IndiesemZusam-
menhangerklärt sichauchdie zumTeil absurdanmutendeFixierungaufKlei-
dung als solche (anstatt etwa auf globalere Themenwie Armut, Gewalt, Aus-
beutung o.ä.), da diese wie Bucar betont eben häufig nicht nur funktionelle
Kleidung ist, sondernkulturelles,ökonomischesundreligiösesPhänomen,das
letztlichauchgesellschaftlichesZusammenlebenbeeinflussenkann.20
Bucar arbeitet imDetail heraus, dass sich aufgrundderunterschiedlichsten
sozialen, politischen und religiösen Gründe ganz allgemein eine ungeheure
Komplexität der Kleidungspraktikenmuslimischer Frauen zeigt, die eine ein-
heitlicheInterpretationderMotivation„piousfashion“zutragenverbietet.21So
verweist Bucar etwadarauf, dass die zunehmendeBeliebtheit von islamischen
Schleiern in Indonesien gerade nicht –wie etwa in derTürkei – alsAusdruck
einerVerbundenheitmitalten, traditionellenWerten,sondernalsZeicheneiner
neuen,zukunftsorientiertenWeltsichtverstandenwird.22ÄhnlicheUnterschiede
lassen sichmit Blick auf denChador erkennen, der in der TĂĽrkei vielfach als
ZeichenbesondererFrömmigkeitverstandenwird, imIranhingegen langeZeit
vorallemSymbolderBefĂĽrwortungderRevolutionvon1979war.23WieBucar
betont, wurde derChador im Iran ab 2000 fĂĽr Frauen zunehmendVorausset-
zung, umZugang zu politischenÄmtern zu erhalten und gleichzeitig Symbol
dafĂĽreinpolitischesAmtinnezuhabenundstrategischesMittelgeradeauchfĂĽr
19 AufgrundderspezifischenBedeutungdesBegriffs„piousfashion“solldieser imFolgenden
imOriginal verwendet werden. Bucar verweist dabei auf den Umstand, dass der Begriff
„fashion“mehr ausdrückt als der Begriff der „Kleidung“, da „fashion“ nicht einen funk-
tionalen Aspekt meint, sondern auch darĂĽberhinausgehende, wie etwa das Moment der
IdentitätsstiftungundderKommunikation.DerBegriff „pious“ soll den religiösenAspekt
zumAusdruck bringen, der wesentlich davon geprägt ist, dass er in diesemVerständnis
immerauchethische Implikationenmit sichbringtundsoauchdasMomentderMoralität
beinhaltet.WährendBucar sich nicht nur auf den islamischen Schleier, sondern auch auf
andere modisch-religiöse Accessoires bezieht, müssen diese aufgrund des Umfangs des
Beitrages ausgespart bleiben, vgl. Elizabeth Bucar, Pious Fashion. HowMuslimWomen
Dress,Cambridge-London2017,S. 2f.Siehehierzuauch:ElizabethBucar,TheIslamicVeil:
ABeginner’sGuide,NewYork2012.
20 Bucar,PiousFashion,S. 8ff.
21 Ebd.
22 Ebd., S. 6.
23 Ebd., S. 48.
Religions-undWeltanschauungsfreiheit alsTeil derFrauenrechte 383
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik