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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
BlickverliertundTranshumanistenunverblĂĽmtausrufen,denMenschendigital
und biotechnisch unverwundbar, ja unsterblich zumachen, ist das Kreuz ein
Gegenzeichen, das diewissenschaftlicheVernunft vorHybris und SelbstĂĽber-
schätzung warnen kann. Jedenfalls kann es zurWachsamkeit mahnen, wenn
vereinzelteAkteure der LebenswissenschaftenmitGlĂĽcksversprechungen auf-
warten,diedasZeugzumReligionsersatzhaben,wennsienichtswenigeralseine
„Auferstehungstechnologie“ (BothoStrauß) inAussicht stellen.9
5. EinsymbolpolitischerEinschnittmit leicht laizistischen
Gefälle
Hinzukommt inWieneinhistorischerGesichtspunkt,derdasUnbehagenver-
stärkt.Mutmaßlich hängen seit 1384, demGründungsdatumder ältesten Ka-
tholisch-Theologischen Fakultät imdeutschen Sprach- undKulturraum,Kru-
zifixe indenHörsälen. IhreGrößeundPlastizitätmögenzuletztmanchenver-
stört und den Verdacht einer Glorifizierung des Leidens genährt haben.
Allerdings, sie im Jahre 2018 im Namen einer fächerübergreifenden neuen
Raumnutzung leise zu entfernen, ist ein symbolpolitischerEinschnitt vonhis-
torischer Tragweite, denman zumAnlass eines universitätsöffentlichen Dis-
puteshättenutzenkönnenundsollen.Manstellesichnur füreinenAugenblick
vor, alleProfessoren,die imLaufe vonĂĽber sechs JahrhundertenanderTheo-
logischenFakultät gelehrt haben, träten zueiner imaginärenVersammlung im
GroßenFestsaalderUniversitätzusammenundwürdenüberdenEntschlussdes
RektoratszuRatesitzen.„TraditionlässtsichalserweitertesStimmrechtfassen“,
hatGilbertK.Chestertoneinmalnotiertundergänzt:„Traditionbedeutet,dass
man der am meisten im Schatten stehenden Klasse, unseren Vorfahren,
Stimmrechtverleiht.Tradition istDemokratie fürdieToten.“10
Nebender historischenZäsur, dieman– je nach Standort – beklagen oder
auchbegrüßenkann,wirftderVorgangdieFrageauf,welchesVerständnisvon
Religionsfreiheit im Hintergrund steht, wenn die Universitätsleitung in den
neuen Hörsälen ausnahmslos keine religiösen Symbole mehr zulässt. Selbst-
verständlichkannmandieMaßnahme imNamenderweltanschaulichenNeu-
tralitätdesStaatesrechtfertigen.DerRektoratsbeschlusserwecktallerdingsden
Eindruckeines leicht laizistischenGefällesundmusssichdemEinwandstellen,
Gaudiumet spes, in: Jan-HeinerTĂĽck (Hg.), ErinnerungandieZukunft.DasZweiteVati-
kanischeKonzil, 2.Aufl., Freiburg i.Br. 2013,S. 605–621.
9 Vgl.KlausMüller,Endlichunsterblich.ZwischenKörperkultundCyberworld,Kevelaer2009.
10 Gilbert Keith Chesterton, Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen, aus dem
EnglischenĂĽbersetzt vonMonikaNoll undUlrich Enderwitz, Frankfurt a.M. 2001, S. 99.
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Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik