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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847111658 – ISBN E-Lib: 9783737011655
4.3. MitderAnkunftwachsendieProbleme
„Willkommenskultur“ war gestern. Gefühle erkalten, Begeisterung schwindet,
Stimmungen können kippen. Da genügt ein singuläres Ereignis von hoher
Symbolkraft, wie es dieÜbergriffe amKölnerHauptbahnhof in der Silvester-
nacht2016waren,undeinganzesLandgehturplötzlichaufAbstand.Sohatsich
die euphorische StimmungdesWillkommens,medial inszeniert undpolitisch
instrumentalisiert, bald verflüchtigt und ist alsbald einer Stimmung fortge-
setzterMäkeleiengewichen,die sich inPegida-Märschenundpopulistisch-na-
tionalistischenHetzparolenBahnbricht.
„SolangedieEtablierten[die„Biodeutschen“,diealtenBundesländer,Westeuropa,…,
Anm.d.Verf.]dieAußenseiternurpädagogischbehandelnkönnen, indemsieUnter-
stützung fürsNachlernenundAufholenanbieten, fügt sichnichts –, und solangedie
AußenseiterdieEtabliertendamit reizen, dass sie immermehr fordernundzugleich
immerwenigererwarten, fügt sicherst rechtnichts.Esbreitet sichnurdieStimmung
einer wechselseitigen Stornierung vonEnergienunddeswechselseitigenVerpassens
vonBegegnungenaus.“15
Auchhier:EndeeinesNarrativs.
4.4. AuchunterBrüderngibtesNeidundStreit
„Alle Menschen werden Brüder“: Was so einleuchtend und selbsterklärend
klingt, kommt alsbald an sein Ende, wenn „Brüder“miteinander auskommen
müssen.Dasgilt auch innerhalbderEuropäischenUnion,dienurmühsamdie
fortbestehende Spaltung desKontinentsüberdeckt.Währenddie Transforma-
tionsländer im Bemühen um Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung die
Respektierungdereigenennationalen, religiösen,kulturellen Identität vonden
etablierten Ländern der Union erwarten und entsprechende Solidarität und
Integrationsleistungenbeanspruchen,vergiftetdasMigrationsthemazusätzlich
das Klima.16Da verwundert es nicht, dass in Zeiten von Globalisierung und
weltweitenWanderungsbewegungen Ängste geschürt und fremdenfeindliche
Stimmungenentfachtwerden.Diese sind impluralitätserfahrenenWesteuropa
allerdings anders konnotiert undmotiviert als in den postkommunistischen
Ländern. „Die Frage, die man sich imWesten stellt, ist, wie man mit einer
15 HeinzBude,DasGefühlderWelt.ÜberdieMacht vonStimmungen,München2016, S. 99.
16 Heinz Bude: „Die Etablierten blicken […]oft in einer Stimmung aus hochmütigerAnge-
spanntheit,missgünstigerAufmerksamkeit undunnachgiebigerVerbissenheit auf dieAu-
ßenseiter.Da gibt es keineHeiterkeit, keineGelassenheit, keineGroßzügigkeit.“ in: Bude,
GefühlderWelt, S. 95.
Epochenwandel.AufderSuchenacheinerneuenErzählung 467
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Title
- Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben
- Subtitle
- Beiträge aus Religion, Theologie, Ethik, Recht und Wirtschaft
- Authors
- Irene Klissenbauer
- Franz Gassner
- Petra Steinmair-Pösel
- Editor
- Peter G. Kirchschläger
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1165-5
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 722
- Category
- Recht und Politik