Page - 127 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
Image of the Page - 127 -
Text of the Page - 127 -
5.1 Besetzungspraktiken der SalzburgerHofkapelle im 17. und 18. Jahrhundert
wie in denQuellen der zweiten Jahrhunderthälfte, zu
verstehen.
Hier stellt sich die Frage, wie und inwelchemAus-
maß liturgischeFeiern vor diesemZeitpunktmusika-
lisch gestaltetwurden.Abschriften vonWerken, die
vor 1729 entstanden, haben sich imDommusikarchiv
relativwenige erhalten. So sind von über 30Messen
Matthias SiegmundBiechtelers nur dreiMissae „in
contrapuncto“überliefert, die indieZeit vor 1729 ein-
zuordnen sind.All jeneKompositionen, die über das
Orgelspiel hinaus auch instrumental begleitet waren,
entstanden nach diesemZeitpunkt.17Obwohlmehr-
chörigeMessen vonBiechteler nachgewiesenwerden
können, etwa eineMissa Sancti Ruperti a due chori18
oder die für dieWeihe der Universitätskirche 1707
komponierteMesse für vierVokal- und Instrumental-
chöre19, ist keines dieserWerke erhalten geblieben.
Auch von denMessenHeinrich IgnazFranzBibers,
etwa derMissaAlleluja, derMissa Bruxellensis und
nicht zuletzt derMissa Salisburgensis, haben sich
bis auf einenUmschlagtitel derMissaAlleluja20 im
Dommusikarchiv keineQuellen erhalten,was derVer-
mutungNahrunggab, ältereWerke könnten zu einem
unbekanntenZeitpunkt, vielleicht schon in den 20er-
Jahren des 18. Jahrhunderts, verloren gegangen sein.
ThomasHochradner, der den „plötzliche[n] Verlust
vonAufführungsmaterial, etwa durchBrand“21 nicht
ausschließen mochte, hielt es gleichwohl für wahr-
scheinlicher, „daß Hofkapellmeister Matthias Sieg-
mund Biechteler und Vizekapellmeister Karl Hein-
richBiber, demWunsch des neugewähltenFürsterz-
bischofs LeopoldAntonEleutherius Freiherr vonFir-
mian Folge leistend, den Schwerpunkt ihrer Arbeit
seit dessen Regierungsantritt von der Komposition
17Hochradner:Matthias SiegmundBiechteler, Bd. 1, S. 126.
18HocBA.1.25.
19„UndweilenwegenKürtze der Zeit kein solemnesHoch-Amt
gehaltenwerden kunte, als[o] wurde von IhroFürstl. Gna-
den, demHerrnCoadjutor etc. etc. nur ein[e hl.]Meß ohne
Music gehalten; und also die von demWohlEdlenHerrn
MatthiasBiechteller, Hochfürstl. Capellmeister auf disen
Tag componirt geweste sehr prächtige und in 4Chör[en],
deren zwey mit Vocal-Stimmen, neben allerhand Instru-
menten; die andere zwey abermit lauterTrompeten und
Pauken besetzt waren, eingetheilte neueMaß, auf nechsten
Erchtag als auf das Fest der heiligenCaecilia, verschoben.“
Hahnl,Adolf: „DieQuellen zumWeihefest“, in:Studien
undMitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens
und seiner Zweige, 108 (1997), S. 380–395, hier: S. 385f.
20A-Sd,A 1268.
21Hochradner:Matthias SiegmundBiechteler, Bd. 1, S. 156. weltlicher zurKomposition geistlicherMusik verlager-
ten“22.
Tatsächlich sind die vor 1729 nachgewiesenen kir-
chenmusikalischenWerkeKarlHeinrichBibers und
Matthias SiegmundBiechtelers nicht so zahlreichwie
etwa später jene JohannErnst Eberlins oder Johann
Michael Haydns überliefert. Das stützt gemeinsam
mit demoben zitiertenDekret dieThese, dieAbsicht
LeopoldAntonEleutheriusFreiherr vonFirmians „in
Zukhonfft in festis Pallii, die Tertia, all dritenMo-
nathssontägen und anderenFesten sowohl Praepositi,
alsDecani undCanonici, dieÄmbter auf demoberen
Chor solemniter“ zu halten, weise insbesondere auf
Vermehrung dermusikalisch-instrumental gestalteten
Gottesdienste (imUnterschied zu chorisch-figural ge-
staltetenMessen oderChoralämtern) und folglich auf
eine Intensivierung dermusikalischenAusgestaltung
der Liturgie unter Einbeziehung derHofmusikkapelle
hin.
Vor den Dekreten Firmians wäre demgegenüber
demDomchor eine größere Rolle zugekommen, als
heutegemeinhinangenommenwird:Dieserhättedem-
nachausdenChorbüchern, inBegleitung einerBasso-
continuo-Gruppe, noch im ersten Drittel des Jahr-
hunderts zahlreicheMessen gestaltet23, während die
Hofmusikkapelle nur zu bestimmten, hohenAnlässen
imDom beschäftigt worden wäre. Zu diesen hätte
dann zwar der jeweilige Hofkapellmeister jedesmal
ein neuesWerk geschaffen, eswären aberweitweni-
gerWerkegebrauchtworden–wasdie kleineZahl der
vor diesemZeitpunkt erhaltenen undnachweisbaren
Werke Heinrich Ignaz Franz Bibers, Matthias Sieg-
mundBiechtelers undKarlHeinrichBibers erklären
könnte.
In jedemFall kames abEnde der 20er-Jahre des
18. Jahrhunderts zu einermassivenRepertoireerneue-
rung an der SalzburgerMetropolitankirche, die sich
unter anderem in einer Formalisierung derBesetzung
ausdrückte und an der Hofkapellmeister Matthias
SiegmundBiechteler,VizekapellmeisterKarlHeinrich
Biber, vor allemaber der 1726 als fünfterHoforganist
22Ebd., Bd. 1, S. 156f.
23So sind etwa in den ChorbüchernW.b.I.–VII. zahlreiche
Messen vonPalestrina,CostanzoPorta, IppolitoBaccusi,
Tomás Luis de Victoria, Ignazio Donati, Orlando di Las-
so und Stefano Bernardi überliefert. Vgl.Hintermaier:
Katalog (1992).
127
Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur