Page - 132 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5 Aspekte derAufführungspraxis
In der SammlungDommusikarchiv lassen sich zahl-
reichemehrchörigeWerke nachweisen,wobei zu un-
terscheiden ist zwischen 1. der Praxis des Domcho-
res,Motetten doppelchörig undmitBasso-continuo-
Begleitung als Teil des alten Repertoires weiter zu
pflegen (→ S. 146)38, und 2. jenenWerken, die unter
Mitwirkung zumindest eines Teils der für festliche
Anlässe verfügbarenMusiker, also der Solisten, der
Hofmusikkapelleund/oderdesTrompetercorps,aufge-
führtwurden. Lediglich dieKompositionen der zwei-
tenKategorie konkurrieren, wieThomasHochradner
esausdrückt,„mitdemfür festlicheGelegenheitenver-
wendeten ‚stylussolennis‘,dereineBesetzungderWer-
kemit Trompeten undPauken voraussetzt“39, und
sollen in diesemAbschnitt näher beleuchtetwerden.
In der SammlungDommusikarchiv lassen sichüberra-
schendwenige dieserWerke nachweisen; dieGründe
dafür sind bereits diskutiertworden (→S. 127). Ta-
belle 5.1aufdernächstenSeitebietet eineAufstellung
aller nachgewiesenenWerke, bei denen zumindest ein
über dieGeneralbassgruppe hinausgehendes Instru-
mentalensemble beschäftigt ist. Vier der Komposi-
tionen sind nur noch anhand ihres erhaltenen Um-
schlagtitels nachgewiesen, das Offertorium „Gloria
laus“ vonEberlin ist lediglich imCatalogusMusicalis
des SalzburgerDoms40 belegt.
BesetzungstechnischgingmitderRepertoireerneue-
rungder1720er-JahreeinParadigmenwechselvor sich:
Die bis dahin übliche Einteilung in variable „Cori“,
die von Komposition zu Komposition neu gebildet
werden konnten, wurde von dem auf den Gruppen
Solisten,ChorundOrchester beruhendenBesetzungs-
system, das uns vor allemdurch dieWerkeMozarts
undHaydns bis heute geläufig ist, abgelöst. An die
StelledesrespondierendenPrinzipstratallmählichein
konzertierend-akkompagnierendesPrinzipmit Solis-
ten, die von einemChor und einer Instrumentengrup-
pe begleitetwerden.Reminiszenzen an dieBesetzung
in „Cori“ blieben in Form des von einer General-
38Besetzungen von zweiChörenmit einer oder zweiGeneral-
bassgruppen oder zwei Chören aCapella können nachge-
wiesenwerden.Die beidenChöre sind entwedermit SATB
besetzt oder teilen sich in „Hochchor“ und „Tiefchor“.
39Hochradner: „VomEnde desmehrchörigenMusizierens“,
S. 468.
40CatalogusMusicalis in EcclesiaMetropolitana. [Exemplar]
Gatti, handschriftlicherBestandskatalog, angelegt von Jo-
sephRichardEstlinger 1782–1791, erweitert bis ca. 1822
vorwiegendvonJoachimJosephFuetsch, 188Seiten,AES,
o. Sign., S. 43/5. bassgruppe und von colla parte-spielendenPosaunen
begleitetenDomchores und der auf einer eigenenEm-
poremusizierendenTrompeten undPauken bestehen,
eswar aber eine Schein-Mehrchörigkeit, diemit der
Aufstellung der Musiker noch auf die architektoni-
schenGegebenheitenRücksicht nahm, sich aber nicht
mehr in dermusikalischen Substanz derWerke aus-
drückte. Die Folge davon waren Platzierungen, die
heutemusikalischwenig sinnvoll erscheinen – und es
vielleicht auch damals nicht waren –, wie z.B. die
AufstellungderVokalsolisten auf demPrinzipal-Chor,
weitentferntvondemsiebegleitendenRipien-Chor im
Presbyterium.DiePosaunisten, diemit demRipien-
Chor colla parte spielten, warenwiederumauf dem
Prinzipal-Chor platziert, dieGeneralbassinstrumente
geteilt zwischen oberemundunteremChor unddie
Trompeten und Pauken, die nach dem Stilwechsel
kompositorisch zunehmend nicht als eigener Chor,
sondern als Teil des Orchesters behandelt wurden,
auf den Trompeterchören weit von ihren Kollegen,
mit denen sie zusammenmusizieren sollten, entfernt.
Es spricht für die Qualität der Salzburger Hofmu-
sikkapelle im 18. Jahrhundert, dass diese widrigen
Gegebenheiten ein gedeihlichesMusizieren nicht ver-
hinderten.
Dass sich diese Aufstellung bis in die 40er-Jahre
des 19. Jahrhunderts hielt, liegt in der liturgisch-
bedeutsamenFunktiondesDomchoresbegründet, der
zum überwiegenden Teil aus Domchorvikaren, also
geweihtenPriestern, zusammengesetztwar, die ihren
Arbeitsbereich selbstverständlich imAltarraumhat-
ten. Erst nachdemdieserKlerikerchor anLeistungs-
kraft verlorenhatteund imZugederNeuorganisation
derMusikandenSalzburgerKirchen inderMittedes
19. Jahrhunderts ein aus Laien gebildeterChor zum
Hauptträger der nicht liturgisch gebundenenKirchen-
musikwurde,konntenSängerundOrchesterendgültig
auf die großeWestempore übersiedeln.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur