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5 Aspekte derAufführungspraxis
Die nach 1720 entstandenen mehrchörigen Kom-
positionen näherten sich mehr oder weniger stark
der neuenBesetzungspraxis an.Unter dennachgewie-
senenWerken lassen sich drei Besetzungsschemata
feststellen, die u.a. sehr stark davon abhängen, wo
imDomdieAufführung stattfand.
• Auf die alte Besetzungspraxis greiftKarl Hein-
rich Biber 1729 zurück, wenn er für sein nicht
überliefertesMiserere einem einstimmig singen-
denVokalchormit zweiViolinenundOrgel einen
zweiten Chor aus vier Violoncelli, drei Fagot-
tenunddreiViolonen gegenüberstellt.Auch eine
ebenfalls verschollene „Sonata à duoChori“ von
Biechteler und eineSonata à 11 (A-Sd,A 783)
aus demJahr 1744 vonKarlHeinrichBiber, die
durch ihre Besetzungmit achtTrompeten und
zwei Paukenpaaren (und Streicher) alsmehrchö-
rigausgewiesen istundbeiderenAufführungdrei
Musikeremporen bespielt worden sein dürften,
sind späteAnwendungen dieserBesetzungspra-
xis.
Auchdasauffallendgroßbesetzte, in61Stimmen
überlieferte Te Deum Laudamus a Due Chori
von Karl Heinrich Biber (A 133,→ S. 48) ge-
hört trotz seiner symmetrischen Aufteilung in
vordergründig zwei Solistengruppen, zwei Chöre
und zwei Instrumentengruppen zur alten Pra-
xis, deren variable Einteilung Symmetrie unter
denCori keineswegs ausschließt. Innerhalb der
Instrumentengruppenweist vor allem einChor
aus obligaten – also nicht wie später mit dem
Chorcolla parte gehenden–Posaunenundeinem
ZinkendasStückals zuraltenPraxis gehörig aus.
Obwohl es für dieAufführung auf den vierMusi-
keremporen desDomsprädestiniert scheint, ist
alsKompositionsanlass auch die Einweihung der
Universitätskirche 1707 nicht auszuschließen, zu
welcherGelegenheit dieHofmusikkapelle laut ei-
nem zeitgenössischenBericht ein prächtigesTe
Deum von Biber und, einige Tage später, eine
mehrchörigeMesse vonBiechtelermusizierte:
„Nachdeme [!] dise vortreffliche
Sermon vollendet worden, begaben
sich Ihro Hochfürstliche Gnaden der
HerrErtz-Bischoff [JohannErnstGraf Thun] etc. etc. in das ersteOratorium:
IhroFürstlicheGnadenderHerrCoad-
jutor [FranzAntonFürstHarrach] etc.
etc. aber fahreten fort, die noch übri-
ge gewöhnlicheCeremonien derKirch-
weyhung zu vollführen; und nachde-
meSie auchdenHoch-Altar consecrirt
hatten, intonierten Sie dasTEDEUM
Laudamus,welches vonderHochfürstl.
Hof-Music in einer neuen, von dem
Wohl-EdlenHerrnCarl Heinrich von
Bibern, Hochfürstl. Hof-Musico und
Cammerdienern zu diser Solemnität
verfertigten kunstreichenComposition
mit beygestimmten Trompeten- und
Heer-Pauken-Schall, auch continuirli-
chen Freuden-Schüssen undGlocken-
Klangaufdasherrlichiste [!] fortgesetzt
wurde.UndweilenwegenKürtze der
Zeit kein solemnesHoch-Amtgehalten
werden kunte, als[o] wurde von Ihro
Fürstl. Gnaden, dem Herrn Coadju-
tor etc. etc. nur ein[e hl.] Meß ohne
Music gehalten; und also die von dem
WohlEdlenHerrnMatthiasBiechtel-
ler,Hochfürstl.Capellmeisteraufdisen
Tag componirt geweste sehr prächti-
ge und in 4Chör[en], deren zweymit
Vocal-Stimmen, neben allerhand In-
strumenten; die andere zwey abermit
lauterTrompetenundPaukkenbesetzt
waren[41], eingetheilte neueMeß, auf
nechstenErchtag [=Dienstag] als auf
das Fest der heiligenCaecilia, verscho-
ben.“42
Der Bericht belegt, dass auch in der Universi-
tätskirche bei besonderen Anlässen vierchörig
musiziert wurde.Während aberBiechtelersMes-
se „in 4Chör“ verschollen ist, fehlt der konkre-
te Hinweis, dass auch das Biber’scheTeDeum
mehrchörig gewesen sei. ZuwelchemAnlass das
überlieferteTeDeum auch immererklang–denk-
barwäre etwa auch die InaugurationErzbischof
41Die hier erwähnteMesseBiechtelers ist verschollen undwird
auch imWerkverzeichnis (Hochradner:Matthias Sieg-
mundBiechteler) nicht angeführt.
42Hahnl: „Quellen zumWeihefest“, S. 385f.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur