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5 Aspekte derAufführungspraxis
den wäre. Die Frage ist nun, wann dieser „Umzug“
der Musiker auf dieWestempore stattfand. Dieser
Zeitpunkt lässt sich insofern eingrenzen, als dieSakra-
mentslitaneiKarlHeinrichBibers (A 160)mit „1731“
datiert ist und sich die erste belegbareErwähnung ei-
nerLitaneiaufderWestempore1747 imTagebuchdes
FratersHeinrichPichler50 findet, der ebenfalls vom
„grossen Chor“ spricht, „allwo die Litanei gemacht
wurde“. 1731und1747 sinddamit die derzeit bekann-
ten Eckpunkte, zwischen denen diese Entwicklung
stattgefunden habenmuss.
Für eine genauereBestimmungbietet sich einnähe-
rer Blick auf das Stimmenmaterial vonKarl Heinrich
Bibers Litanei an:Neben zwei regulärenOrgelstim-
men, die den beidenChori zugeordnet sind, existiert
eine dritte, die mit dem später hinzugefügten Hin-
weis „NB.Quando si fa in uno choro“51 versehen ist.
Offensichtlichwar sowohl fürAufführungenmit zwei
Orgeln als auch für solchemit nur einer Orgel vor-
gesorgt. Alle Stimmen stammen von der Hand des
Komponisten, die betreffendeOrgelstimme zeigt kein
hinreichend unterschiedliches Erscheinungsbild, um
sie anders zu datieren, sodass sie sehrwahrscheinlich
in zeitlicher Nähe zu den restlichen Stimmen, also
1731oder kurzdanach, entstanden ist.Etwaumdiese
Zeitwird also auchdieWestempore als alternativer52
Aufführungsort für Sakramentslitaneien inBetracht
zu ziehen sein:Dortmusstemanzwarmit einerOrgel
vorlieb nehmen, die doppelchörigeAnlage desWerkes
konnte aber ansonsten erhalten bleiben, selbstwenn
dies alsAufführung „in uno choro“ aufgefasstwurde.
ZweiKirchensonaten vonMattias SiegmundBiech-
teler undKarlHeinrichBiberwie auch eine Laureta-
nische Litanei von JohannErnstEberlin sind –mit
einerAusnahme – die einzigenmehrchörigenWerke,
die nach 1731 für den Salzburger Dom geschrieben
wurden.Danach ist es einmalmehrWolfgangAmadé
Mozart, dermit seiner an eineVertonung desselben
Textes durchBiechteler angelehntenMotette „Venite
populi“53 1776 zum letztenMal diese Aufführungs-
praxis kompositorisch aufgreift. Ist schon Mozarts
Motette nurmehr sehr bedingt einer amDombeste-
50Martin: „VomSalzburger Fürstenhof“ [Teil 1], S. 37.
51A160,Orgelstimme, S. 1.
52Dass hier zunächst an eine alternative Aufführungspraxis
gedacht wurde, geht aus der bedingten Bestimmung der
Orgelstimme „Quando si fa ...“ hervor.
53Vgl.Hochradner: „Fronleichnamsmotette“. henden lebendigenTradition zuzuordenen,weil sie im
Zuge seinerBeschäftigungmit demalten Stil und so-
mit aus stilgeschichtlichem Interesse heraus entstand,
so zeugen alle anderen zwischen 1760 und 1785 ent-
standenen Abschriften z.B. von Giovanni Pierluigi
daPalestrinasPopulemeus, vonLeonardoLeos be-
rühmtemMiserere undvonGiovanniBattistaCasalis
Missa à 8 vombeginnenden historischen Interesse an
den doppelchörigenWerken italienischerKomponis-
ten.54
5.3 Pflege einer älteren
Tradition
Musikgeschichtewird gemeinhin als kompositorische
Fortschrittsgeschichte erzählt. Phänomene der longue
durée, wie sie großeTeile gerade sakralerMusikpraxis
prägen, finden gemeinhinwenigBeachtung.Das be-
trifft neben demChoralgesang in Salzburg auch eine
musikalischeÜberlieferung, die seit dem17. Jahrhun-
dert abseits der jeweils aktuellen konzertanten, groß
besetztenKirchenmusik imSalzburgerDomgepflegt
wurde: dieTradition,Motetten in einemStil zu sin-
gen, der spätestens amEnde des 17. Jahrhunderts
mit Sicherheit als stile antico empfundenwurde.55
Bereits LeopoldMozart weist 1757 in seiner Be-
schreibung der Aufgaben der Chorregenten auf die
Praxis des Domchors hin, mehrstimmigeMotetten
ohneBegleitung derHofmusikkapelle zu singen:
„Diese zween Hrn. Chorregenten haben
wechselweis dieDirection bey dem täglichen
Gottesdienst, nämlich beym Choral und
Contrapunct, da die Cammermusik nicht
gegenwärtig ist.“56
Dass derDomchorChoral einerseitsmitOrgelbe-
gleitung, aber besonders bei Prozessionen etc. auch
54Hochradner: „VomEnde desmehrchörigenMusizierens“,
S. 470.Hochradnerberichtetu.a., dassCarlFriedrichFasch
(1736–1800) im letztenViertel des Jahrhunderts nach dem
Vorbild Orazio Benevolis eine 16-stimmigeMesse für die
Berliner Singakademie komponierte.DieProben zu dieser
Messe, die ermit seinen Schülern abhielt, markieren den
Beginn derBerliner Singakademie.
55Hinweise auf diese Praxis beiHintermaier:Katalog (1992),
S. 41, Anm. 10, sowieHochradner: „ZumMusikleben“,
S. 80–83, und Hochradner: „Zwischen Höhepunkten“,
S. 243.
56[L.Mozart]: „Nachricht von demgegenwärtigen Zustande“,
S. 192.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur