Page - 146 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5 Aspekte derAufführungspraxis
Im 18. Jahrhundert war die Tradition,Motetten
im alten Stil zu singen, demnach ungebrochen leben-
dig und,was imLichte vonForschungsergebnisse an
anderenOrten, z.B. für dieWienerHofmusikkapel-
le78, eine Überraschung darstellenmag, keineswegs
auf Vorfasten-, Fasten- undAdventzeit beschränkt:
Weder die Introiten Stadlmayrs für das ganze Kir-
chenjahr noch dieMotettenCazzatis, die explizit für
Festa Pallii gewidmet sind, lassen sich in jene vielbe-
schworene Tradition einordnen, nach derMusik im
stile antico ausschließlich in denBußzeiten gepflegt
wurde. Insofern darf eineBemerkungwie die Folgen-
de nicht dahingehend interpretiertwerden, dass die
Zuordnung derMusik im stile antico zur Fasten- und
Adventzeit dieVerwendung vonMusik imalten Stil
im restlichenKirchenjahr ausschließt:
„An allen Fest= und Sonntagen ist bey
demHochamte [S. 5]Figural-Music, außer
an den Sonntagen im Advent, und in der
Fastenzeit, wodieMusikmit dem sogenann-
tenContrapunct üblich ist; anWerktägen
in festis duplicibus ist ChoralgesangmitBe-
gleitung derOrgel, in Semiduplicibus ohne
dieselbe.“79
Umgekehrt hat sich in Bezug auf dieses alte Re-
pertoire nicht bestätigt, dassmehrchörigeWerke aus-
schließlich Festa Pallii zugeordnet waren.80 In der
obenbereitsmehrfach erwähntenSammlung vonPro-
prien fürdieVorfasten-,Fasten-undAdventzeitMelos
divinarum laudumvonPietroBonamico, inder jeweils
Introitus, Graduale oder Tractus, Offertorium und
PostCommuniokomponiert sind, sinddieOffertorien
allesamt für zwei Chöre,manche fürHochchor und
Tiefchor, die anderen für zweimit Sopran,Alt, Tenor
undBass besetzteChöre.Da der größteTeil desRe-
pertoires, das im18. Jahrhundert in Stimmenkopiert
wurde, jedoch dem Proprium zuzuordnen ist81, ist
eine gleichzeitigeVerwendung des altenRepertoires
mit konzertantenWerken des 18. Jahrhunderts, also
78Riedel:Kirchenmusik amHofeKarls VI.
79Gottesdienstordnung, AES,Altbestand,AT-AES 1.2.22/68
Gottesdienstordnung, S. 4 f., Übertragung ab S. 26.
80Vgl.Hochradner: „VomEnde desmehrchörigenMusizie-
rens“, S. 468.
81Aus denMessen beispielweisewurden lediglich einigeMes-
sen undMessteile von IgnazioDonati im 18. Jahrhundert
(A1252)undumdieJahrhundertwendevom18. ins19.Jahr-
hundert kopiert (A 1119b,A 1119a,A 1119c). z.B. die Aufführung einer konzertantenMesse mit
Trompeten undPauken an einemFestumPallii und
das Singen einer achtstimmigenMotette zumOffer-
torium imgleichenGottesdienst, als gängigePraxis
anzunehmen.
Abschriften von doppelchörigen Werken nicht-
salzburgischerKomponisten für die Praxis desDom-
chores wurden vor allem im letzten Drittel des 18.
Jahrhunderts getätigt: Ein „Populemeus“ vonPale-
strina und einMiserere von Leonardo Leo wurden
zwischen 1760 und 1780 kopiert, eineMissa à 7 des
KapellmeistersderLateranbasilika,GiovanniBattista
Casali (um1715–1792), istmit 1784datiert.Lediglich
dasMiserereLeos lässt sich in die Liturgie einordnen:
Es erklang amMittwoch in der Karwoche, an dem
u.a. einMiserere „doppeltönig [doppelchörig], näm-
lich abwechselnd von demobern und unternChor“82
– und ohne Instrumentalbegleitung – gesungenwurde.
Spätere, teils umfangreiche Abschriften aus den
ChorbüchernW.b.V., VII., XX., XXII. und XXXI.
von Benedikt Hacker undMatthias Kracher (jun.)
stammen frühestens ausden20er-Jahrendes 19. Jahr-
hunderts, danach interessierten sichbeispielsweise die
Domchorregenten JohannesPeregrinus (1856–1889),
Hermann Spies (1865–1950) und Joseph Messner
(1893–1969) für die Chorbücher. Das ältere Reper-
toirewurde amSalzburgerDomalso vomAnfangdes
17. bis ins 20. Jahrhundert gepflegt, wenngleich sich
ab der zweitenHälfte des 19. Jahrhunderts dieGrün-
de für diePflegedieses Stilswandelten: Spätestens ab
diesemZeitraumdürftemusikhistorisches Interesse
die hauptsächlicheMotivation gewesen sein.
5.4 Instrumentarium
Der größteTeil der imDommusikarchiv überlieferten
Musikalien verlangt die noch heute gebräuchlichen,
durch die bekannten Adaptionen des 19. Jahrhun-
derts zu ihrer heutigenFormgelangten Instrumente.
Die Besetzungen des Kernrepertoires sind geprägt
durch einen starkenZug zurKonventionalisierungder
Klangcharakteristik, die sich aus allgemein komposi-
tionsstilistischenVoraussetzungen, raumakustischen
Gegebenheiten, lokalenMusiziertraditionen und ei-
ner auf dieKonvergenz vonAnlass undmusikalischer
82Gottesdienstordnung 1828, S. 19,→S. 29.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur