Page - 151 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5.4 Instrumentarium
die großeOktave, in diesemFall bis zumD, reichte.
Die Stimme „Viola 4ta“ trägt zudemmitBleistift den
Zusatz „etTrompon“,womit hier bereits die Praxis
desColla parte-SpielsmitPosaunen, die spätestens
ab etwademzweitenViertel des 18. Jahrhunderts ein
obligates Element vonAufführungen derDommusik
gewesen ist, ganz konkret als Fortsetzung der älteren
Praxis des chorischen Violensatzes hindurchschim-
mert.Wann die Hinzunahme der Posaune geschah,
ob sie bei diesemWerk auch in anderen Stimmen
praktiziert und nur in dieser notiert wurde, geht aus
dieserNotiz nicht hervor, wohl aber, dass sie als ein
historisch nachrangigesElement demVorbild des cho-
rischenViolensatzes folgt. Zusätzlich zu diesemund
in der Stimmführungdavon (undvomChor) gänzlich
unabhängig besetztHofer zweiViolinen.
Im18. Jahrhundert erscheint die Instrumentenbe-
zeichnung „Violetta“ nochmals inKarl HeinrichBi-
bers kolossal besetztem, doppelchörigemTe Deum
in C (A 133) das ähnlicheKräfte aufbietet, wie sie
aus einigen der großen Kirchenwerke seines Vaters
bekannt sind. Jeder der beiden vierstimmigenChöre
wird begleitet durch 2Violinen, eine Violetta, Vio-
la 1 und 2, Violoncello, 4 Trompeten und Pauken,
1 Zink, 3 Posaunen und eineBasso-continuo-Gruppe.
Violetta, Viola 1 und 2 sowieVioloncello bilden ge-
meinsam einen Streicherchor, der passagenweise in
freierAnlehnung an denVokalchor eine lockereColla
parte-Funktion erkennen lässt. Diese Funktion teilt
ermit dem in gleicherWeise zusammengebundenen
Zink/Posaunen-Chor, was sich in beidenEnsembles
auch in der den Vokalstimmen analogen Schlüsse-
lung ausdrückt. BeideEnsembles spielen die gleichen
Stimmen.Wie inder älterenPraxis sindauchhier die
ViolinendeutlichunabhängigervomChorsatz geführt.
Aus den besprochenenQuellen geht hervor: Violet-
tae sind stets imC-1-Schlüssel notiert undwerden in
den Chorpartien colla partemit dem Sopran (oder
den Sopranen) geführt. Sie übernehmen diese Funkti-
on traditionell alsOberstimmen einesViolen-Chores,
demsie imTitel explizit oderdurchdieStimmennum-
merierung implizit eingegliedert sind.Möglicherweise
nur terminologisch abgewandelt erscheint diesesMus-
ter inHofersOffertorium„Quoprogrederis“ (A1239),
woderganzeViolen-Satzvondrei „Violettae“105über-
105Schlüsselung:C-1, C-3, C-4. nommenwird:Die auch hier von einem zusätzlichen
Violinenpaar unabhängige Stimmführungmündet in
denChorabschnitten insColla parte-Spiel, bei dem
auf denTenor 2 des fünfstimmigenVokalsatzes ver-
zichtet und der Bass durch eine Orgel ausgeführt
wird.
StimmenbezeichnungenauchandererMaterialien le-
gennahe,dassamDomdieViolen(undalsowohlauch
die Violettae) für gewöhnlich „da braccio“ gespielt
wurden.Violettae unterscheiden sich aber funktional
immerdeutlichvondenViolinen.Siebildenmitdiesen
keinenhomogenen„Satz“, sondernbleibengemeinsam
mitdenanderenViolenTeil einesvom„Oberstimmen-
paar“derViolinengetrenntenchorischenBlocks.Man-
fredHermannSchmid hat plausibel die Entwicklung
der Lagenverteilung immodernen Streichersatz aus
den schrifträumlichenVoraussetzungen des 16. Jahr-
hunderts abgeleitet.106DieVerteilungder drei Instru-
mente derViolinfamilie (Violine/Viola/Violoncello)
auf den fünfstimmigen Streichersatz des 17. Jahrhun-
derts erfolgte demnach inFrankreich durch dreifache
Besetzung der Viola, in Italien durch Verdopplung
sowohl vonVioline als auch vonBratsche, wobei in
beiden Fällen die Violen mithilfe der Schlüsselung
auf einen tonräumlichenBereich innerhalb des durch
die gleiche Stimmung der Instrumente bestimmten
Ambitus festgelegt wurden. Dieses Vorgehen hatte
auch instrumentenbaulicheKonsequenzen: „Die italie-
nischenGeigenmacher kennen imganzen17. Jahrhun-
dert zwei verschiedeneGrößen derBratsche: eine für
denAlt und eine für denTenor.“107DieEinführung
umsponnener Saitenmachte diese baulicheTrennung
langfristigobsolet, danunauchdiekleinen Instrumen-
te inderTiefe tragfähigwurdenundsichaufgrundder
bequemerenSpielweisegegendengrößerenTypdurch-
setzten.AndiesemPunkt derEntwicklung verortet
Schmid den Terminus „Violetta“ als eine in Italien
undDeutschland begegnendeBezeichnung, „die ur-
sprünglich ihrenPlatz inderGambenfamiliehat, jetzt
aber auf dasMittelinstrument derGeigen übertragen
106Schmid, Manfred Hermann: „Zur Genese des vierstim-
migen Streichersatzes. Instrumente, Stimmlagen, Schrift“,
in:WolframSteude/Hans-GünterOttenberg (Hrsg.):
Theatrum instrumentorum Dresdense. Bericht über die
Tagungen zu Historischen Musikinstrumenten, Dresden,
1996, 1998 und 1999, Schneverdingen:Verlag derMusikali-
enhandlungWagner 2003, (Schriften zurmitteldeutschen
Musikgeschichte, 11), S. 355–372.
107Ebd., S. 369.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur