Page - 157 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5.4 Instrumentarium
pus“131, gehandelt habenkönnte, scheint auch für die
früheren Quellen nicht sehr wahrscheinlich. Dieses
„proto-violoncello“132 war etwas größer als heutige
Celli gebaut und meistens wie diese oder eine Se-
kund tiefer gestimmt. Eswar aufgrund der größeren
Saitenmensurweniger beweglich als die kleinerenVio-
loncelli, übertraf diese aber anKraft und Sonorität
desKlangs. Laut StephenBontawurde es als Typus
obsolet, nachdem in den 1660er-Jahren in Bologna
drahtumsponneneDarmsaiten entwickelt wordenwa-
ren,mit denen die klanglichenVorteile des größeren
Instruments auf demagileren kleinenVioloncello zu
erzielenwaren.133Wenngleich die (etymologisch na-
heliegende) Entwicklung des Violoncellos aus dem
8-Fuß-Violone heute differenzierter gesehen und ei-
ne „Koexistenz von [8’-]Violone undVioloncello für
die Zeit zwischen ca. 1660 und 1730“ angenommen
wird134, so finden sich doch keine Hinweise darauf,
dass der SalzburgerViolone im18. Jahrhundert ein
8-Fuß-Instrument gewesen sein könnte.
Dafür spricht zunächst, dass die Stimmenbezeich-
nung„Violone“überdengesamtenUntersuchungszeit-
raumhinweg kontinuierlich inGebrauch ist und sich
keinerlei Anzeichen terminologischerUnsicherheiten
finden lassen,diebeimÜbergangvom8-Fuß-Basszum
16-Fuß-Basswohl zu erwartenwären.DerAusdruck
„Contrabasso“ kommt hingegen in der Sammlung nur
in einigenwenigenMaterialienvor, die für gewöhnlich
entweder nicht-salzburgischer Provenienz (z.B.A-Sd,
A 214,A 1551,A 1653,A 1749) oder überhaupt erst
im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden sind (z.B.A-
Sd,A 594). Ansonsten begegnet die Instrumentenbe-
zeichnungmehrfach inder autographenÜberlieferung
vonWerkenJoachimJosephFuetschs135, derdenAus-
druckauch in seinemInstrumenten-Inventarvon1822
(→ S. 182ff.) sowie gelegentlich für Umschlagtitel
(A-Sd,A 698) verwendet, während auch er für Stim-
131Loescher, Johannes: [Art.:] „Violone“, in:MGG2, Sachteil,
Bd. 9, Sp. 1740.
132Bonta, Stephen: „FromViolone toVioloncello: AQuestion
ofStrings?“ in:Journalof theAmericanMusical Instrument
Society, 3 (1977), S. 64–99, hier: S. 66.
133Ebd., S. 98.
134Loescher, Johannes: „VomViolone zumVioloncello –wirk-
lich eine Frage der Saiten?“ in:Monika Lustig (Hrsg.):
Geschichte, Bauweise und Spieltechnik der tiefen Streichin-
strumente. 21.Musikinstrumentenbau-Symposium,Michael-
stein, 17. bis 19. November 2000, Blankenburg: Stiftung
KlosterMichaelstein u.a. 2004, (Michaelsteiner Konferenz-
berichte, 64), S. 51–56, hier: S. 52.
135A-Sd,A 855,A 1386,A 1388,A 1723. menbezeichnungen fremderWerke ausschließlich den
Terminus „Violone“ gebraucht. Ähnliches lässt sich
für Johann BaptistWeindl beobachten, der in den
Stimmen stets „Violone“ vorschreibt, in zwei in der
Sammlung überlieferten Umschlagtiteln sich selbst
aber als „Contrabassist“ tituliert (A 599,A 1647).
Es scheint demnach, dass derAusdruck „Violone“
sich in Salzburg schon mit dem Beginn der Quel-
lenüberlieferung auf den 16-Fuß-Kontrabass bezieht,
wie dies auch für denWienerKontrabass beobachtet
wurde.136
Entsprechend der synonymenVerwendung beider
Ausdrücke finden sich in der SammlungBeispiele von
lediglich sprachlichenÜbertragungen in beideRich-
tungen: So liegt eine doppelchörigeMesseGiovanni
BattistaCasalis (A-Sd,A 214) in einer italienischen
Handschriftmit der Instrumentenbezeichnung „Con-
trabasso“ vor; das durchEstlinger für denGebrauch
amDomergänzteMaterial enthält zwei Stimmen für
„Violone“.Umgekehrtwurden die zahlreichen Salzbur-
gerMusikalien, die imBesitzKurfürst Ferdinands ab
1814 nachFlorenz gelangten137, durch spätereErgän-
zungen umStimmen erweitert, die selbstverständlich
den italienischenTerminus „Contrabasso“ verwenden.
Als quasi obligatorisches Mitglied der Continuo-
Gruppe ist derViolone das amSalzburgerDomnach
derOrgel amhäufigsten eingesetzte Instrument. Ein
Violone befand sich imChorraumbeimOrgelpositiv
undwurde von einemderDomchoralisten gespielt138,
der seinenPart ausderOrgelstimme (Organo ripieno)
gelesen habenmuss, da dieAufführungsmaterialien
derDommusik für gewöhnlich nur eineViolonestim-
me aufweisen, die auf demPrinzipal-Chor gebraucht
wurde, wo stets mindestens ein Violone – gelegent-
136„Vomausgehenden 17. Jahrhundert bis ca. 1780wurde über-
wiegend dieBezeichnung ‚Violon‘ dafür gebraucht, danach
vor allem ‚Contrabasso‘“. Vgl.Focht, Josef: „Historische
Facetten desWiener Kontrabasses“, in:Monika Lustig
(Hrsg.):Geschichte, Bauweise und Spieltechnik der tiefen
Streichinstrumente. 21.Musikinstrumentenbau-Symposium,
Michaelstein, 17. bis 19.November 2000,Blankenburg: Stif-
tungKlosterMichaelstein u.a. 2004, (MichaelsteinerKon-
ferenzberichte, 64), S. 129–138, hier: S. 134.
137NachdemKurfürst Ferdinand 1805 Salzburg verlassen hat-
te, wurde er zunächstmit demGroßherzogtumWürzburg
entschädigt. 1814 konnte er schließlich nach Florenz zu-
rückkehren. Dass er seine Musikaliensammlung bei den
Übersiedlungenmit sich führte, ist anzunehmen.
138[L.Mozart]: „Nachricht von demgegenwärtigen Zustande“,
S. 194: „Unter diesenChoralisten sind 4.welche denViolon
spielen können, da einer aus ihnen allezeit bey der kleinen
Orgel imChor (dieHr. Paris zu versehen hat) denViolon
spielenmuß“.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur