Page - 160 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5 Aspekte derAufführungspraxis
der – aufGrundlage eines allgemein vorausgesetzten
Wissens umdie räumliche Situation – konventionelle
Begriffewie „Hauptorgel“, „Hofchor“, „Epistelseite“,
„Heilig-Geist-Orgel“ etc. verwendetwerden, oderweil
bei Benennungen von rechter oder linker Seite unklar
bleibt, vonwelchemStandort aus diese erfolgte. Letz-
teres gilt auch für LeopoldMozarts diesbezüglich viel
zitierteAngabe:
„bey derMusik selbst aberwird eine der
4 Seitenorgeln, beständig gespielet, nämlich
die nächste amAltar rechterHand,wo die
Solosänger undBässe sind.“148
ZurKlärung dieser Fragemag es zunächst hilfreich
sein, sich die verschiedenenBezeichnungsweisen der
beiden Seiten zu vergegenwärtigen:
Dem„Contract“über eineOrgelreparatur von1677
ist zu entnehmen, dass sich die „Haubtorgl“ auf der
„Epistelseiten“ befand.149Mannimmt an, dass dieser
Vertrag nur deshalb erhalten blieb, „weil es sich bei
diesenArbeitenumeinenUmbaudes im18. Jahrhun-
dert als ‚Hoforgel‘ bezeichneten Instrumentes gehan-
delt hat“150. Da es dieHauptorgel war,muss sie sich
auf jenemChor befunden haben, denKarlHeinrich
Biber in seinerChorordnung als „Principal-Chor“151
bezeichnete,während er für den „AndertenChor“ kei-
ne eigene Bezeichnung verwendet; LeopoldMozart
nennt diesen in einemBrief an seinen Sohn den „Vio-
linChor“152, da sich bei großenMusiken dort dieVio-
linisten befanden.153Die dort situierteOrgelwurde
als „Heilig-Geist-Orgel“ bezeichnet.154
DurchdieklareZuordnungderHauptorgel zurEpis-
telseite, die traditionell als die vomVolk aus gesehen
148[L.Mozart]: „Nachricht von demgegenwärtigen Zustande“,
S. 195.
149Walterskirchen: „Zur Baugeschichte der Pfeilerorgeln“,
S. 21.
150Ebd., S. 22.
151Rainer: „Adlgasser“, S. 210.
152Bauer/Deutsch:Mozart.BriefeundAufzeichnungen,Bd.2,
S. 96, Brief vom01.11.1777.
153Dasssich lautdemschonbesprochenenInstrumenteninventar
aus demJahr 1822 (→ S. 182) einGroßteil der „brauchba-
ren“ Instrumente, darunter auch 14Geigen, zu dieser Zeit
nicht auf demViolinchor, sondern „auf dem s: g: HofChor“
befanden,mag dadurch zu erklären sein, dass die sperrigen
Instrumente derBassgruppe stets dort verwendetwurden,
während sich dieViolinen fallweise bequemauf die andere
Empore transportieren ließen. ZurAufbewahrung der In-
strumente im18. Jahrhundert sindkeine konkretenQuellen
bekannt.
154Walterskirchen: „Zur Baugeschichte der Pfeilerorgeln“,
S. 22,mitVerweis aufKonsistorialarchivSalzburg (=AES),
Domorgel 1/56Domcustos IIa. rechte Seite einerKirche bestimmtwird155 –bei geos-
tetenBauten also die südliche –, ist dieAufstellung
der Musiker im Dom eindeutig bestimmt, und die
intuitiv naheliegende Interpretation vonAngabenwie
„amAltar rechterHand“als „mitBlick auf denAltar“
bestätigt.Die vielfältigen Seitenbezeichnungen sind
demnachzuverstehen,wie inTabelle5.3,S.160,ange-
geben.Nochnachdem1841einederbeidenwestlichen
PfeilerorgelnaufdenursprünglichenTrompeterchören
„zu der auf diesemChore künftig stattfindenden klei-
neren Figurat-Musik“ erneuert wordenwar, sprach
1858 – ein Jahrhundert nachMozart – auch Dom-
organistMartinWerkmann in einerEingabe an das
Konsistoriumvonden„2Seiten-Orgeln rechts,welche
in täglichemGebrauche sind“156, undmuss damit die
beiden südlichenPfeilerorgeln gemeint haben.
links (nördlich) rechts (südlich)
Evangelienseite Epistelseite
Evangelien-Seitenorgel Hauptorgel
Heilig-Geist-Orgel Hoforgel
Violinchor Prinzipal-Chor
Streicher Sänger/Bassgruppe
Tabelle 5.3:Bezeichnungen fürdiebeidenöstlichen
Musikeremporen bzw. für die auf ihnen befindli-
chenPfeilerorgeln.
So ist auch dieNotiz desEhepaaresNovello über
eineMesse amDom zu verstehen: „The Orchestra
was placed in the right-hand Gallery near the Al-
tar...“157. Das beschriebeneFestwar einFestumCa-
nonici (→ S. 131), bei dem sich das Orchester in
kleinerBesetzung bei den Sängern auf demPrinzipal-
Chor aufhielt, den dieNovellos – alsKirchenbesucher
ohne jedenZweifel inderPerspektivevomHauptschiff
mitBlick in denAltarraum– rechts lokalisieren.
Diesbedeutet aber, dassMelchiorKüsells bekannte
Innenansicht des SalzburgerDoms aus der Schaffens-
zeitHeinrich IgnazFranzBibers imHinblick auf die
Situierung von Prinzipal- und Violinchor nicht der
durch die späteren Schriftquellen belegtenPraxis ent-
155Arx, Walter von: [Art.:] „Epistel“, in: Kasper, Wal-
teretal. (Hrsg.):Lexikon fürTheologieundKirche,Band3,
Freiburg u.a.: Herder 1995, Sp. 731; vgl. auch Andreas
Heinz, [Art.:] „Evangelienseite“, in: ebd., Sp. 1031.
156Walterskirchen: „Zur Baugeschichte der Pfeilerorgeln“,
S. 24mitVerweis aufKonsistorialarchiv Salzburg (=AES),
Domorgel 1/56.
157Novello, Vincent/Mary Novello; Medici, Nerina/
Rosemary Hughes (Hrsg.): AMozart Pilgrimage. The
Travel Diaries of Vincent & Mary Novello in the Year
1829, London: Eulenburg 1975, S. 104.
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur