Page - 163 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5.4 Instrumentarium
gebenmueß,Höerbauckhen unddasVoglgesang“172.
AuchdieSpielanlage,derenAusrichtungdemOrganis-
tendendirektenBlick insKirchenschiff gewährte und
die damitwomöglich der erste freistehende Spieltisch
auf demGebiet des heutigenÖsterreich gewesen ist,
war überaus innovativ.173
Schon diesesWerk fand großen Zuspruch von be-
rufener Seite174, wurde aber bereits 1718 vonEgeda-
cher neuerlich überarbeitet, nachdemder nunmehrige
HoforgelmachermitAndreas Silbermann aus Straß-
burg inKontakt getretenwar und offenbar derartig
viel von diesem lernte, dass er sich als „a bua ge-
gen Ihn“175 empfand. Nach Fertigstellung der letz-
ten Überarbeitung der großen Salzburger Domor-
gel war diese nach Egedachers Selbsteinschätzung
„einWerk, dasweit undbreit dergleichenWerke nit
werde zu finden sein“176. Sie wird zu den „klang-
lich und optisch bedeutendstenWerken imdeutsch-
sprachigenRaum“ gezählt undwar offenbar in ihrer
handwerklich-mechanischenMachart „so trefflich ge-
arbeitet, daß diese Orgel bis 1842, imwesentlichen
unverändert, in Funktionwar“177.
Bemerkenswert sind die zeitgenössischen Urteile
über das Instrument, das vomHoforganisten Johann
Baptist Khnott ganz praxisorientiert nicht nur als
„leichter zu schlagen“ und „reiner“ bezeichnetwurde,
sondern dem vomHofkapellmeister Matthias Sieg-
mund Biechteler auch „eine sonderliche Laute und
Schärfe“ attestiertwurde.178DomkapellmeisterHer-
mannSpies schloss aus derDisposition, dass dieOr-
gel ein „Schreiwerk“179 gewesen sein müsse, wenn-
gleich das Instrument nach einemOhrenzeugen des
frühen 19. Jahrhunderts auch zu „Anmut undLieb-
lichkeit“180 befähigt war, wiewohl schon Biechteler
eine Vergrößerung des Ausdrucksspektrums – „daß
172Ebd., S. 86mit Verweis auf SLA,HofkammerHofbauamt
1704.
173Walterskirchen: „ZurGeschichte der großenOrgel“, S. 12.
174Samber:Continuatio, S. 154, zit. inWalterskirchen:Or-
geln undOrgelbau in Salzburg, S. 87.
175So laut einem Bericht Johann Andreas Silbermanns, wie-
dergegeben inWörsching, Josef:DieOrgelbau-Familie
Silbermann in Straßburg i[m]E[lsaß], Mainz: Rheingold-
Verlag 1941, S. 62, hier zit. nachWalterskirchen:Orgeln
undOrgelbau in Salzburg, S. 88.
176Spies, Hermann:Die Salzburger grossenDomorgeln, Augs-
burg: BennoFilser 1929, S. 29.
177Walterskirchen: „ZurGeschichtedergroßenOrgel“,S.13f.
178Spies:Die Salzburger grossenDomorgeln, S. 29.
179Ebd., S. 30.
180Ebd. alleRegister teils schärfer, teils lieblicher als sie zuvor
gewesen“181 –wahrgenommenhatte.
Christian Friedrich Daniel Schubart notierte be-
reits eine gewisseDiskrepanz zwischenderPracht des
Instruments unddessen anscheinendwenig ambitio-
niertemGebrauch:
„Die dasigeOrgel gehört unter die vor-
trefflichsten, die es gibt: schade, dass nicht
eineBachischeFaust diesesMeisterwerk be-
seelt! der [!] Ton ist dick, und wenn das
ganzeWerk gekoppeltwird, so tönt eswie
Gewittersturm.Es hat dreyManuale, über
hundertRegister, und einmarkdurchschnei-
dendes Pedal. Die Verzierungen der Bild-
hauerkunst daran, sind prächtig und voll
Geschmack.“182
Zunächst bestätigt dies die Dauerhaftigkeit des
handwerklich exzellent gearbeiteten Instruments,
konntedochSchubart frühestens indenspäten1760er-
Jahren seineAnschauung der SalzburgerVerhältnisse
gewonnen haben.183Bemerkenswert ist aber neuer-
lich vor allem die Häufung von Attributen, welche
die ungewöhnlicheKlanggewalt der großenDomorgel
herauskehren – vom „markdurchschneidenden“ Pe-
dal über die (freilich zu hoch gegriffenen) „hundert
Register“ bis zurAssoziation eines „Gewittersturms“.
Angesichts des bescheidenen überlieferten Orgel-
repertoires – das sich im 18. Jahrhundert überwie-
gend auf Präludien und Versetten beschränkt, de-
ren in der kirchenmusikalischen Praxis begründete,
eher konventionell-routinierte SetzweisewenigRaum
für autonom-künstlerischeGestaltung bot und deren
Prinzipienbis indie ambitioniertestenWerke, Johann
Ernst Eberlins 1747 gedruckte IX. Toccate e Fughe
per l’Organo, hineinwirkten184 –wirft die scheinbare
181Ebd., S. 29.
182Schubart, ChristianFriedrichDaniel; Schubart, Lud-
wig (Hrsg.): Ideen zu einerÄsthetik der Tonkunst,Wien:
Degen 1806, S. 157.
183Das ist ausderNachricht zu schließen,dassder jungeMozart
„schon im eilften Jahre“ eineOper komponiert habe.Vgl.
ebd., S. 158.
184Dazu ausführlichRöhrs, Hans-Joachim: „Vorwort“, in: Jo-
hannErnstEberlin: JohannErnst Eberlin. IX. Tocca-
te e Fughe per l’Organo, hrsg. v.Hans-Joachim Röhrs,
Salzburg: Selke 1998, (Denkmäler derMusik in Salzburg,
Faksimile-Ausgaben, 6), S. 1–15, hier: S. 9–15.Wolfgang
AmadéMozartsUrteil, EberlinsKlavierfugen seien „lauter
in die länge gezogene versettl“ (Bauer/Deutsch:Mozart.
Briefe undAufzeichnungen, Bd. 3, S. 203), nahmanden
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur