Page - 171 - in Musik am Dom zu Salzburg - Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
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5.4 Instrumentarium
denDomerstmals in den 1740er-Jahren dokumenta-
risch belegt228, dürfte aber inwesentlichenElemen-
ten schon lang davor bestanden haben.Die vonKarl
Heinrich Biber beschriebene größte regelmäßig ein-
gesetzteBesetzung inklusive zweier auf den hinteren
PfeileremporenplatzierterTrompeter-undPaukerchö-
re229 begegnet imWesentlichen schon in der etwa 70
Jahre älteren, die Innenansicht des SalzburgerDoms
während eines festlichen Amtes darstellendenKup-
ferradierung Melchior Küsells und entspricht noch
weitgehend demSalzburgerKolossalstil, wie er uns
am prominentesten in Heinrich Ignaz Franz Bibers
Missa Salisburgensis begegnet.
Aus jüngerer Zeit haben sich vonBibers SohnKarl
HeinrichzweiKompositionen,diediesePraxisbelegen,
erhalten230, fürBiechteler ist einentsprechendesWerk
immerhin nachgewiesen (→S. 134).Die vielzitierte
TagebuchnotizHeinrichPichlers aus demJahr 1745
bestätigtdieBesetzungspraxis „auf 5Chör“231, bleibt
aber imHinblick auf dieAufstellung derTrompeter –
„auf dem3ten [Chor] 6. Trompetter, andere und ein
Bauckhen“232 – seltsamkryptisch.233
Dassmithin dieVerwendung zweier vollständiger
Trompeterchöremit Pauken in komponiertenMusi-
ken des 18. Jahrhunderts durch kaumeineHandvoll
Belege abgesichert ist, dürfte den oral tradiertenMu-
sizierpraktiken derTrompeter geschuldet sein: Sofern
wir nicht annehmen, das entsprechendeRepertoire sei
nahezu vollständig verloren gegangen,müssen durch
dieTrompeternoch inderMittedes 18. Jahrhunderts
imRahmenderDomliturgieusuelleMusizierpraktiken
gepflogenworden sein, die ihreMitwirkung als dop-
228Vgl. Anm. 83–85 auf S. 147.
229Hintermaier:Die Salzburger Hofkapelle, S. XIII.
230Num: I /TeDeum/Laudamus / âDueChori. / 8Voci in
Concerto. / 4Violini / 2Cornetti / 4Viole / 6Trombon: /
8Trombe / 2 par diTimpani / 8VociRipien / 2Organi. /
Con /Fagotti Violoncelli / eVioloni. / daCarloHen[rico]
di Bibern / ViceMaestro di Capella. (A 133);+ExC \
dur. / Sonata à 11. / 2 Violini / 8 Trombe / 2 par di
Timpani. / Organo / Violoncello e Violone. / da Carlo
Henrico di Bibern /Maestro di Capella di S. A. Eccl:sa
Rma / di Salisburgo. A. 1744. (A 783).
231Martin: „VomSalzburger Fürstenhof“ [Teil 1], S. 10.
232Ebd.
233Unter den „5Chör“wird der anzunehmende zweiteTrom-
peterchor von Pichler nicht explizit erwähnt. Da Pichler
aber von sechsTrompetern in einemChor spricht, ist die
Annahme einesweiteren gleichartigenTrompeterchores pro-
blematisch. Zwar fehlenuns ausgerechnet für das Jahr 1745
dieBesetzungszahlen derHofmusik, für die flankierenden
Jahre sind aber nur elf (1744) bzw. zehn (1746)Trompeter
nachgewiesen. Vgl.Hintermaier:Die Salzburger Hofkapel-
le, S. 541. pelchörigesEnsemble gestattete, obwohl die bekannte
Figuralmusik solcheEnsembles nichtmehr vorsieht.
Derlei Praktiken,wie sie für das 17. Jahrhundert et-
wa vonMichael Praetorius beschrieben wurden234,
sind für den Salzburger Dom durchMatthias Sieg-
mundBiechtelers „Victimae paschali laudes“ (HocB
A/6/02)235 von 1729 bezeugt: In das doppelchörige,
abgesehen von der Generalbassgruppe rein vokale
Werk sind vier Strophen des deutschen Kirchenlie-
des „Christ ist erstanden“ eingebunden, indem im
Stimmenmaterial an den entsprechenden Stellen der
Liedtext notiert wurde. Jeder dieser für denVolksge-
sang bestimmten Strophen folgt in den Stimmendie
Bemerkung „Trombetti“, durch die ein nicht näher
bestimmtesTrompetenstück angezeigtwird.
Zu denwomöglich selbstverständlichen, aber kaum
je notierten Praktiken der Trompeter und Pauker
dürfteauchdieDämpfung ihrer InstrumentebeiTrau-
ermusiken zu zählen sein. Eine einzigeQuelle imBe-
stand zeigt, dass diesesVorgehen inSalzburgbekannt
war und mindestens sporadisch (wenn nicht regel-
mäßig) praktiziert wurde. Der Umschlagtitel zu ei-
ner anonymenMissa de Requiem exAMin: (A-Sd,
A 1539), die jedoch aufgrund derBesetzung und der
Materialbeschaffenheit eindeutig nicht derDommusik
zuzurechnen ist, verlangt neben „2Clarinis obtusis
ex c.“ auch „Tympanis tectis“.GleichsinnigeAnwei-
sungen enthalten auch die jeweiligen Stimmen selbst.
NachweislichwurdezumindestdieDämpfungderPau-
ken auch imDompraktiziert, denn das Inventar von
1822verzeichnet „1p[aar] schwarzePauckenÜberzüg,
zumdempfenbeÿREQUIEMetc:“,was inderFormu-
lierungbeiläufiggenugerscheint,umes fürmöglichzu
halten,darindenHinweis auf eineallgemeinbekannte
Praxis zu sehen.
In denKompositionen desDommusikarchivs über-
wiegen ab etwa dem zweitenDrittel des 18. Jahrhun-
dertsBesetzungenmit vierstimmigemTrompetenchor
und – entwicklungsgeschichtlich nachrangig236 – des-
234Praetorius, Michael: Syntagma musicum, Band III.
Termini musici, Wolfenbüttel 1619, Faksimilenachdruck
hrsg. v.WilibaldGurlitt, Kassel u.a.: Bärenreiter 1988,
(Documenta musicologica, Erste Reihe: Druckschriften-
Faksimiles, 15), S. 169–172.
235A-Sd,A 93.
236ZurEntwicklung der Schreibweisen fürTrompeten vgl. z.B.
Aringer,Klaus: „Clarinpartien imWerkMichaelHaydns
und seiner Zeitgenossen“, in:ChristianAhrens/Gregor
Klinke (Redaktion): Zur Geschichte von Cornetto und
Clarine. Symposium imRahmender 25. TageAlterMusik
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Musik am Dom zu Salzburg
Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Title
- Musik am Dom zu Salzburg
- Subtitle
- Repertoire und liturgisch gebundene Praxis zwischen hochbarocker Repräsentation und Mozart-Kult
- Authors
- Eva Neumayr
- Lars E. Laubhold
- Ernst Hintermaier
- Publisher
- Hollitzer Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-99012-540-0
- Size
- 21.0 x 30.2 cm
- Pages
- 432
- Category
- Kunst und Kultur